Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

Kapitallöcher stopfen, Islamisten wählen, schrumpfen

Griechenland muss nur noch die Hälfte seiner Schulden begleichen. Wird jetzt alles gut in Europa?

Leider nein. Ein Land, dessen Wirtschaft um knapp fünf Prozent schrumpft und das ein Defizit von 8,5 Prozent (gleich 20 Milliarden Euro) mitschleppt, muss logischerweise weiter borgen, kann also seine Auslandsschulden (nunmehr die Hälfte von 330 Milliaraden) nicht verringern. Die Schulden werden weiter steigen, ergo wird Athen mehr Hilfe brauchen. Europa muss sich sputen. Wo soll eigentlich das Geld für die Kapitalinfusionen für die Wackelbanken herkommen? Auf dem Gipfel haben sie zwar von 110 Milliarden gesprochen, die die Banken brauchen; dieses Kapitalloch darf man getrost verdoppeln. Wer soll das bezahlen? Die EU? Dann müssen die Staaten zuschießen, und Deutschland am meisten.

In Tunesien haben die Islamisten die Wahl gewonnen. Wird jetzt alles schlecht in Arabien?

In jedem arabischen Land, das halbwegs freie Wahlen abhält, werden die Islamisten gewinnen. Denn die waren von den Regimen in den Untergrund gedrängt worden und haben sich dort effizient organisiert. Im Übergrund gab’s nur die Staatsparteien, die das jeweilige Regime nicht überleben. Also ist der Sieg der Islamisten überall programmiert. Die tunesische Ennahda aber ist die moderateste von allen; jedenfalls hat sie sich so im Wahlkampf gegeben. Sie hat zum Beispiel zugesichert, weiter Alkohol zu erlauben und das Gesetz gegen die Vielweiberei aufrechtzuerhalten. Aber im Wahlkampf wird viel erzählt, das wissen wir auch aus dem lupenrein demokratischen Westen.

Wir sind jetzt sieben Milliarden Menschen. Wann hört das endlich auf?

Bald. Wenn die Sozialwissenschaft eine halbwegs gesicherte Erkenntnis hat, dann über den Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum sowie Frauen-Bildung (bzw. deren Integration in den Arbeitsmarkt) und fallender Geburtenrate. Da dies der weltweite Trend ist (mit dramatischen Ausnahmen, gewiss), wird das Wachstum der Menschheit abflachen. 2811 werden wir nur noch 6,7 Milliarden sein. Ehrenwort!

Ein Wort zu Amerika ...

Good news aus der Wirtschaft. Im dritten Quartal ist diese aufs Jahr gerechnet um 2,5 Prozent gewachsen; das ist doppelt so viel wie im zweiten Quartal. Das heißt: keine neue Rezession, was auch gut für Europa ist. Aber in der Wirtschaft gibt es immer ein „Andererseits“, weshalb alle guten Nachrichten mit der bekannten Prise Salz genossen werden müssen. Häuserpreise (ein wichtiger Konjunkturindex in den USA) sinken noch immer, das verfügbare Einkommen (was Leute ausgeben können, wenn die laufenden Kosten beglichen sind) ist im dritten Quartal um 1,7 Prozent gefallen. Das ist der größte Rückgang seit dem dritten Quartal 2009.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. Er lehrt zurzeit in Stanford. Fragen: as

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