Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

Den Euro retten, Islamisierung erwarten, Birma einbinden.

Nur Deutschland kann den Euro retten, aber viele Europäer fürchten die deutsche Dominanz. Ein Widerspruch?

In der Tat. In derselben ausländischen Zeitung lesen wir auf einer Seite: „Die Deutschen müssen führen“, auf einer anderen: „Viertes Reich“. Das ist das Schicksal der Starken, was ihnen allerdings Takt- und Fingerspitzengefühl abfordert. Dieses ist im Vergleich zu Wilhelm Zwo schon viel feiner geworden, aber es fehlt das Talent, das Richtige mit werbender Stimme vorzutragen: Europa wird platzen, wenn es zur Schulden- und Transferunion gerät. Andererseits wird Berlin immer wieder Schecks ausstellen, weil es das größte Interesse am Euro hat, dazu die meisten Reserven. Das wird den Euro retten, aber dahinter steht die Inflationsunion, es sei denn, unsere mediterranen Freunde hören auf, über ihre Verhältnisse zu leben.

Die Wahl in Ägypten gewinnen die Muslimbrüder, gefolgt von den noch radikaleren Salafisten. Eine gute Wahl?

Natürlich nicht. Rund vierzig Prozent für die Bruderschaft, mehr als zwanzig Prozent für die ultrareaktionären Islamisten sollten die Wohlmeinenden im Westen ernüchtern, die wähnten, Regimesturz plus Wahlen sind gleich Demokratie. Es gibt keine bürgerliche Mitte in der arabischen Welt. Wie denn auch, wenn der wirtschaftliche Unterbau fehlt – ein halbwegs freier Markt, Industrialisierung, Wohlstand? Wie denn auch, wenn anders als im Juden- und Christentum Moschee und Staat eines sind? Der Westen muss sich auf eine Islamisierung zwischen Maghreb und Hindukusch einstellen. Der „regime change“ per Wahlurne verläuft leider nicht in die erhoffte Richtung.

Hillary Clinton reist nach Birma. Wann werden die Sanktionen aufgehoben?

Das hängt von der inneren Liberalisierung ab. Die interessantere Sicht aber ist eine realpolitische im pazifischen Machtkampf USA-China. Clinton spinnt mit feiner Hand ein Eindämmungsnetz gegen den Aufsteiger, das von Indien bis Australien reicht. Jeder ist willkommen, auch das kleine Myanmar. Anzurechnen ist Clinton, dass sie pure Real- durch Idealpolitik ergänzt; deshalb ihre demonstrative Begegnung mit der Oppositions-Chefin, Aung San Suu Kyi, die 1990 vom Militärregime um ihren Wahlsieg betrogen wurde. Sage noch einer, Washington sei aus der Weltpolitik ausgeschieden.

Ein Wort zu Amerika ...

Sage auch keiner, Amerika sei nicht für Überraschungen gut. Hieß es nicht, Mitt Romney hätte die Nominierung der Republikaner in der Tasche? In drei der vier ersten Vorwahlen (im Januar) liegt jetzt Newt Gingrich klar vor Romney! Allerdings liegt Obama in fast allen Umfragen vor beiden. Das heißt: Die Republikaner werden Obama einen Wahlsieg schenken, den er nach Sach- und Krisenlage nicht verdient.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“ und lehrt bis Jahresende an der Stanford University. Fragen: mal

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!