Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

Wir fragen den "Zeit"-Herausgeber Josef Joffe jeden Montag, was die Welt in dieser Woche macht. Seine Antwort heute: Sich vor Merkels Thron verneigen, weiter im Nebel stochern und sich vor Väterchen Frost fürchten.

Hollande ist der neue starke Mann in Europa. Wird er jetzt Queen Angela vom Thron stoßen?

Ist er das? Frankreich ist zwar noch kein Fall für den Rettungsschirm, aber die Wirtschaft versinkt, derweil die Schulden steigen. Merkel bleibt die Einzige in Europa, die über eine halbwegs gesunde Wirtschaft und volle Kassen präsidiert. Den Deutschen geht es gold, und Resteuropa blickt nicht auf Paris als Retter. Freilich hat Hollande die Macht des Schwachen, der den Starken erpressen kann, etwa so: „Ma chère Angela, entweder du zahlst, oder du bist schuld an der Katastrophe.“ Inzwischen verneigen sich sogar US-Kommentatoren vor Angies Thron. Sie behaupten, sie hätte es in der Hand, die Wiederwahl Obamas zu verhindern. Es sei denn, sie rette Europa mit deutschem Geld. So viel Macht hatten die Germanen noch nie.

Die Russen protestieren. Muss sich Putin jetzt warm anziehen?

Ab Oktober in jedem Fall, dann regiert bis Mai Väterchen Frost. Aber die Demo am 12. Juni – mehr als 100 000 – erinnert an die Kollegen Achmadinedschad und Mubarak: Den Russen geht die Angst aus. „In seiner ersten Amtszeit“, sagt ein WmdW-Kontakt in Moskau, „hatte er den Mund zu voll genommen, mit ‚hope’ und ‚change’ auf Russisch. Das ist vorbei, nur noch ein Drittel des Volkes vertraut ihm, und er verliert die Kontrolle über den Nachrichtenfluss. Er agiert mit einer Mischung aus Unsicherheit und Sturheit, und beides ermuntert die Gegner.“ WmdW’s Mann in Moskau, ein alter Hase, meint, dass Putin nicht die ganzen sechs Jahre überstehen werde.

Demokraten oder Republikaner, wer ist schuld an der schwachen US-Wirtschaft?

Wenn WmdW das wüsste, wäre er ein Kandidat für den Nobelpreis in Ökonomie. Auf jeden Fall versagen die alten Mittelchen von Dr. Keynes. Deficit- Spending, Geldpumpen (etwa 1,3 Billionen Dollar) und Niedrigstzinsen rühren kaum an der Arbeitslosigkeit. Das Volk traut weder dem Weißen Haus noch dem Kongress und verweigert Investitionen und Konsum. Sollten die Republikaner beide Bastionen im November einnehmen, wäre zumindest die Blockade weg. Aber Nobel-verdächtigte Politiker haben auch die Republikaner nicht. WmdW erinnert sich mit Schaudern an das letzte Mal. Erst der Zweite Weltkrieg hat Amerika von der zehn Jahre alten Weltwirtschaftskrise befreit.

Ein Wort zur Außenpolitik …

Die Deutschen sind mit Knobelbechern und Panzern zweimal im 20. Jahrhundert gescheitert. Erst als sie allen Herrschaftsgelüsten abgeschworen hatten, fiel ihnen die Vormacht in den Schoß. Aber sie wissen nicht was damit anzufangen. Berlin stochert genauso im Nebel der Wirtschaftskrise wie Obama und Kollegen. Sympathisch, aber nicht „zielführend“, wie es auf Neudeutsch heißt.

Fragen: as

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