Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

Rote Linien überschreiten, teuer gesund werden, die GSG-9 einsetzen.

Angela Merkel nach dem EU-Gipfel: Wird die Kanzlerin langsam schwach?

Sie hat eigentlich schon seit Beginn der Krise immer wieder ihre „roten Linien“ aufgegeben, vorweg den Art. 125 des Euro-Vertrages, der den „bail-out“, die Rettung von Pleitestaaten, verbietet. Jetzt kriegen Spanien und Italien erst einmal frisches Geld für ihre Banken – ohne harte Auflagen. Monti und Rajoy haben gewonnen. Merkel kriegt ihre europaweite Bankenaufsicht, aber wie das in Europa so läuft, wird das länger dauern als die Hilfsgelder reichen. Merkel ist schwach, weil jeder weiß, dass Berlin Europa um (fast) jeden Preis retten will.

Obama und die Gesundheitsreform: Wird Amerika europäisch?

Nein, es bleibt sehr amerikanisch. Das US-Gesundheitssystem ist zugleich das beste und schlimmste im Westen, weil es mit seinen Spitzenleistungen so ineffizient und teuer ist. Die Amis geben 16 Prozent vom BIP aus, die Deutschen und Schweizer um die elf. „ObamaCare“ wird’s noch teurer machen, weil es auf die alten Gebrechen – eine Nacht im Krankenhaus kostet bis zu 5000 Dollar – noch die neuen Ausgaben setzen wird. Die USA hätten sich nur „europäisiert“, wenn sie die „best practice“ von den Deutschen und Schweizern abgekupfert hätten, die es besser und billiger machen.

Kölner Beschneidungs-Urteil: Geht Kindeswohl vor Tradition?

Der viktorianische Pornograph Frank Harris berichtet in seinen Memoiren „My Life and Loves“, dass er sich habe beschneiden lassen, weil Juden wegen ihrer abgehärteten Eichel angeblich länger lieben könnten. Hernach sei er tagelang unter Schmerzen durch London gelaufen. Der Rezensent: „Geschah ihm recht!“ Anders ausgedrückt: Wenn schon, dann am achten Tag nach der Geburt. Noch kein jüdischer Sohn hat auf der Couch von seinem Beschneidungstrauma berichtet; eher ging’s um die Mama. Dito etwa 75 Prozent der US-Männer. Der Kölner Richter hat im Wolkenkuckucksheim der reinen Jurisprudenz geurteilt. WmdW freut sich jetzt schon auf die GSG-9, wie sie in Abertausende von jüdischen/muslimischen Gebets- und Privathäusern einfällt, um das Vorhaut-Verbrechen zu vereiteln.

Ein Wort zum Außenminister...

Der hat wegen des Urteils „Irritationen“ im Ausland ausgemacht. In diese muss sich Gelächter gemischt haben. Und die Bildungsnahen werden doziert haben: „fiat iustitia, pereat mundus“ – des Kölners Wille geschehe, auch wenn die Welt dabei zugrunde geht. Ein Gutes hat das Urteil für deutsche Juden und Muslime doch. Die Auswanderungswilligen können jetzt in Amerika Asyl beantragen, wegen religiöser Verfolgung. So ein winziges Stück Haut, so eine große Wirkung. Schuld daran ist aber nicht der Richter, sondern der alte Abraham, der auf Gottes Geheiß als erster schnippelte.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. Fragen: mal

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