Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

Kauri-Muscheln horten, Auslandspresse lesen und an deutschen Spesen genesen.

Die Europäische Zentralbank hat den Leitzins auf ein historisches Tief gestaucht. Wird jetzt alles wieder gut?

Das wünscht sich WmdW inbrünstig. Aber mit Blick auf die Zinskurven seit dem Crash schießt sein Zweifel so nach oben wie der EZB-Zins nach unten. Die amerikanische Fed fährt praktisch seit Ende 2008 einen Zins von null, runter von 4,25 Prozent vor der Krise. Die Euro-Zinsen sind auf 0,75 Prozent gefallen. So billig war Geld nie seit wir von Kauri-Muscheln auf Papier umgestiegen sind, und trotzdem bleiben wir im Wachstumsloch. WmdW rät: Horten Sie Kauri-Währung, der Westen bläst gerade die größte Geldblase aller Zeiten auf.

Mali zerfällt. Sind Islamisten, die islamische Heiligtümer zerstören, islamophob?

Eine listige Frage. Sie erfordert eine gespaltene Antwort. Der Kunstliebhaber WmdW sagt: pathologisch artophob und zivilisationsfeindlich, was als Anklage schon reicht. Und totalitär obendrein, weil alle Totalitären erst die alte Welt zerstören wollen, um ihre neue, den kommunistisch-nationalsozialistisch-islamischen Himmel auf Erden, auf den Trümmern zu errichten. Andererseits ist der Islam grundsätzlich bildo-phob, siehe 1. Gebot („keine Darstellung von irgendetwas“); deshalb der Krieg gegen Denkmäler. Aber die Terroristen gingen zu weit, als sie die „Heilige Tür“ der Sidi-Jachja-Moschee zerstörten. Es bringt nämlich Unglück, sie zu öffnen. Gott sieht alles.

Libyen hat gewählt. Ist das Land auf dem Weg in die Demokratie?

Inschallah. Immerhin war’s die erste freie Wahl seit vierzig Jahren. Andererseits die merkwürdigste aller Zeiten. Es gab keine Themen, Kampagnen und Programme. So ein Wahlkampf sei wie eine Hochzeit ohne Braut, lästerte ein libyscher Kolumnist. Wo steckt das Mädchen? In Libyen geht es um viele Bräute, nämlich um die Frage: Welcher Stamm, welche Miliz herrscht wo? Dieses Land ist keines, sondern ein Konstrukt, das aus mindestens zwei Teilen besteht: Cyrenaika im Osten, Tripolitanien im Westen. Hat Libyen Glück, kriegt es ein Regime, das kompromissfähig genug ist, um das Land zusammenzuhalten.

Ein Wort zur deutschen Außenpolitik ...

WmdW greift in diesen Tagen zur Auslandspresse. Der linke New Statesman zeigt Merkel als Terminator („gefährlichste Deutsche seit Hitler“). Time zeigt eine verhärmte Merkel und titelt: „Why everybody loves to hate Merkel – und alle falsch liegen“. Der Schlusssatz: Amerika und Europa „sollten mit den Beleidigungen aufhören und etwas Respekt zeigen“: Früher wurden die Deutschen zu Recht verfemt, weil sie alles falsch machten; heute, weil sie es (wirtschaftlich) richtig gemacht haben. Merkel hat recht: An deutschen Spesen wird die Welt nicht genesen.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. Fragen: mal

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