Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

Dem Handbuch der Gewaltherrscher folgen und zur Besonnenheit aufrufen.

Der Konflikt zwischen der Türkei und Syrien: Hat Erdogan angemessen reagiert oder macht er alles noch schlimmer?

Bei Erdogan weiß man nie, was Auftrumpfen oder nüchternes Kalkül ist. Kriegsgeschrei ist immer nützlich für die nationalistische Mobilisierung zu Hause. Zum Beispiel: „Wir wollen keinen Krieg, aber wir sind auch nicht weit entfernt davon. Wir haben unsere Größe durch Kriege zwischen den Erdteilen errungen.“ Meinte er damit die zweifache Belagerung von Wien im 17. Jahrhundert? Unterdessen verhält sich das Assad-Regime für seine Verhältnisse recht verantwortungsvoll, indem es seinen Truppen befiehlt, Abstand zur türkischen Grenze zu halten. WmdW wünscht sich etwas mehr Größe und weniger Großmannssucht von Erdogan.

Obama und Romney im TV-Duell: Hat Romney Obama entzaubert?

„Hope“, „Change“ und „Yes, we can“ haben sich in vier Jahren selber entzaubert. Romney hat bloß gezeigt, dass er nicht der vorbestimmte Loser ist, nach der Devise: „Ein Mitt ist die kürzeste Distanz zwischen zwei Fettnäpfchen.“ Obama liegt weiter mit zwei bis vier Punkten vorn, im Wahlgremium führt er mit 251 zu 181 Stimmen, zum Sieg braucht er 270. Nur: Romney holt auf in den So-oder-so-„Schlachtfeldstaaten“. Er führt neuerdings in Florida (ein Muss) und Virginia. In Ohio, wo Bush die Wahl 2004 gewann, liegen beide gleichauf. Obama schimpft, Romney schmust. Aber immer daran denken: Die Wechselwähler entscheiden sich und die Wahlen immer erst an der Urne.

Der iranische Rial ist abgestürzt. Kann Israel die Bomber im Hangar lassen?

Werden sie nicht. Ahmadinedschad macht, was im Handbuch der Gewaltherrscher steht: den Westen als Prügelknaben hinstellen und die Polizei auf die Geldhändler hetzen; das Atomwaffenprogramm steht nicht zur Disposition. Chauvinismus stillt den Hunger nicht, aber er betäubt den Schmerz. Der Verfall der Wirtschaft ist so alt wie die Islamische Republik, die den Spagat zwischen Moschee und Moderne nicht hinkriegt. Die Sache wird interessant, wenn die Basaris streiken, die noch halbwegs die Wirtschaft am Laufen halten. (Ihre Väter hatten weiland dem Schah den Todesstoß versetzt.) Bis jetzt haben sie bloß die Läden geschlossen, weil der Rial-Sturz die Kalkulation unmöglich macht.

Ein Wort zum deutschen Außenminister ...

Der macht, was deutsche Außenminister am liebsten tun: zur Besonnenheit aufrufen, jetzt an die Adresse Ankaras. Etwas dezidierter dürfte die Sprache schon sein, denn niemand darf Erdogan erlauben, die Nato in einen Krieg gegen Syrien zu ziehen. Wenn schon gegen Assad, dann bitte alle zusammen. Berlin hat an einem solchen Krieg bekanntlich null Interesse.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“.

Fragen: fal

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