Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

Sinniert über wichtige und maßlos überschätzte Ereignisse des Jahres 2012.

Das Jahr endet. Zeit für Rück- und Ausblicke. Was war 2012 das wichtigste außenpolitische Ereignis?

Die Wiederwahl Obamas? Die Verherbstung des Arabischen Frühlings? Der syrische Bürgerkrieg? Die Entwaffnung der Hamas (genauer: die Zerstörung ihrer weitreichenden Raketen) durch die israelische Luftwaffe? Der Wechsel der deutschen Euro-Politik von Zucht, Ordnung und Sparsamkeit zu „Wir retten die Währung um jeden Preis“? Der Tod von Dave Brubeck? Es gibt immer noch so viel Außenpolitik wie eh und je, aber ihr fehlt das Drama, das Existenzielle. So eine Kuba-Krise wie 1962, als USA und UdSSR auf einen Atomkrieg zusteuerten, gibt es nicht mehr. Auch keine großen Kriege wie den zwischen Irak und Iran 1980–1988, den längsten und blutigsten in Nahost. Grundsätzlich war früher in der Außenpolitik mehr los. Kein Wunder, dass junge ambitionierte Politiker im Bundestag keine Karriere in der Außenpolitik anstreben.

Welches Ereignis wurde überschätzt?

Der Arabische Frühling. Die bürgerliche Presse, wie schon Marx sagte, übertreibt grundsätzlich das jeweils Aktuelle und verwechselt gern den Augenschein mit historischen Kräften. Schlimmstenfalls hat der Frühling Bürgerkrieg (Libyen, Syrien, Jemen) gezeugt, bestenfalls den Sieg des Islamismus (Ägypten, Tunesien), der eine andere Form der Unfreiheit begünstigt, nämlich die Vorherrschaft der Gläubigen. Wahlen sind nur ein Element der Demokratie. Wichtiger sind Rechtsstaat, Minderheitenschutz und Gewaltenteilung. Und Wirtschaftswachstum, das eine Mittelschicht produziert. Gemessen an diesen Kriterien ist die arabische Welt von Demokratie so weit entfernt wie ein Marathonläufer nach einem Kilometer von seinem Ziel.

Was wird 2013 am wichtigsten?

Woher soll WmdW das wissen? Hat er den Crash von 2008 voraussagen können? Die Pleite Athens 2010? Den Ausbruch der Arabellion 2011? Die Schwangerschaft von Kate 2012? Das Blutbad am Freitag in der Schule von Newtown? Ein für alle Mal, und das gilt auch für die Klimapropheten: Wir können die Zukunft nicht kennen, weil Menschen keine Moleküle oder Planeten sind. Nur deren Verhalten lässt sich vorausberechnen. Und das von Bayern München. Die gewinnen immer (meistens). Über Hertha wollen wir schweigen.

Wer wird in einem Jahr deutscher Außenminister sein?

Angela Merkel – nicht formal, sondern de facto, weil Außenpolitik schon lange nicht mehr von Außenministern gemacht wird, sondern vom Regierungschef. Deshalb war Adenauer konsequenterweise auch Außenminister von 1949 bis 1955. Der letzte AM, der noch was gedreht hat, war Henry Kissinger (1973–1981). Wissen Sie, wer aktuell AM von England und Frankreich ist?

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. Fragen: mal.

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