Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

Papier sparen, Koalitionen schmieden, unsachlich attackieren.

40 Prozent der Briten wollen raus aus der EU. Wäre das das Ende der Union?

Die würde schon fortbestehen, aber als reiner Kontinentalblock. Was würde fehlen? Erstens: die wichtigste Militärmacht Europas, die mehr als doppelt so viel für Verteidigung ausgibt (gemessen am BIP) wie Deutschland. Zweitens: der angelsächsische Wirtschaftsliberalismus, das Gegengewicht zum Etatismus der Franzosen. Drittens: das 400 Jahre alte Weltfinanzzentrum London. Es käme, viertens, die Degradierung der englischen Weltsprache hinzu, die zumindest am Anfang einfacher zu erlernen ist als Deutsch oder Französisch und auf jeden Fall gedruckt weniger Papier verbraucht als jene. Nur der Verlust der englischen Küche ließe sich verschmerzen. Aber wir werden die Briten nicht abhauen lassen.

Das Wahlergebnis in Israel verwirrt die Beobachter. Ist das nun ein Ruck nach rechts oder ein Ruck nach links?

Bestimmt kein Ruck nach rechts, hat doch der Parteizusammenschluss von Benjamin Netanjahu und Avigdor Lieberman zehn Sitze verloren. Mächtig zugelegt hat die säkulare Mitte des TV-Stars Jair Lapid. Verwirrt sollten allein die Meinungsforscher sein, die dem Rechtsblock mächtige Zugewinne versprochen hatten. Es gilt die alte Regel: Nicht auf Prozente kommt es in diesem Vielparteienstaat an, sondern auf die Koalition. Aber wie WmdW seinen „Bibi“ kennt, wird der wohl kein Mitte-Rechts-Bündnis schließen, sondern eines mit den Religiösen. Was schade wäre, weil die Macht der Gläubigen zu groß geworden ist. Sie kriegen viel vom Staat, aber geben wenig (zum Beispiel Militärdienst).

Die FDP hat einen Spitzenkandidaten. Holt Rainer Brüderle zehn Prozent?

Wenn das Wahlvolk abstimmt, ist es offensichtlich egal, wer gerade die Liberalen anführt. Wer hätte gedacht, dass Rösler in seinem Heimatland (Niedersachsen, nicht Vietnam, wie manche Agitpropler wähnen) fast zehn Prozent holt? Die Stärke der FDP bleibt eine strategische. Die Leute wollen eine Partei im Spiel behalten, die nicht im schwarz-rotgrünen Mainstream schwimmt. Dass Brüderle die Sünde der Anbaggerei angekreidet wird, zeigt immerhin, dass die Feinde der Liberalen ihn als Schwergewicht begreifen. Man wünscht sich demnächst etwas sachlichere Attacken.

Ein Wort zu Mali ...

Kanzlerin und Präsident finden den Einmarsch der Franzosen echt gut. Insbesondere Gauck hat das Richtige gesagt: Der Antiterroristeneinsatz liege im Interesse Deutschlands. Zwischen der Erkenntnis und der untätigen Mithilfe liegt ein merkwürdiger Widerspruch. Die Großmacht wider Willen macht sich klein, kann es aber nicht begründen. Ein Krieg muss klug bedacht werden, aber „Franzemann, geh’ du voran“ ist weder ein Ausweis von Staatskunst noch von strategischem Denken.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. Fragen: as

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