Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

Merkel regiert mit Cameron, der Iran braucht die Amis, die Deutschen empören sich.

Haushaltseinigung in Brüssel: Hat Merkel jetzt die Richtlinienkompetenz für ganz Europa?

Ja, aber zusammen mit Cameron. Sowohl D als auch GB sind Nettozahler, die sich gegen den Agrarblock Frankreich & Co. durchgesetzt und das EU-Budget reduziert haben. Die Agrar-Stütze war schon immer Wahnsinn (knapp 40 Prozent vom Haushalt); bei steigenden Agrarpreisen ist es Verschwendung im Quadrat. Alle müssen sparen; nur die EU nicht? Die Sache hat aber noch einen hübschen politischen Effekt: So kann Cameron die Anti-Europäer daheim ernüchtern und die EU-Mitgliedschaft sichern. „Well done!“; die „stille Allianz“ zwischen Berlin und London funktioniert.

Aufruhr in Arabien: In welcher Revolutionsphase steckt die Arabellion?

Etwa da, wo die russische 1917–22 und die französische 1792–99 steckten. Es ist der Kampf zwischen „weiß“ und „rot“, zwischen Girondisten (liberal/rechts) und Jakobinern (hart links/totalitär). Heute sehen wir in Ägypten in Mursi einen „Mubarak mit Bart“, der die Unterdrückungsmaschinerie angeworfen hat; in Tunesien und Libyen wächst der islamistische Terror. Wie die Sache ausgeht? In Russland und Frankreich ging die Revolution mit Krieg einher, der die Totalitären begünstigt hat. In Arabien fehlt der äußere Feind, der das Land hinter den Hardlinern zusammenschweißt. Dennoch mutmaßt WmdW, dass die Demokratie so schnell nicht siegen wird. 1799 hatte Frankreich mit Bonaparte einen neuen Diktator.

Der Iran will nun doch keine direkten Atomgespräche mit den USA. Warum?

Erstens will der Iran Atomwaffen, und er betreibt das Geschäft offener als Indien, Israel und Pakistan, die es sehr diskret getan haben. Der Iran baut fast demonstrativ an der ganzen Kette – vom Uranabbau bis zur Miniaturisierung von Sprengköpfen. Zweitens kann sich ein totalitäres Regime keine Entspannung leisten. Mit den Amis reden, hieße einen Pfeiler der Herrschaft zu opfern: den Hass auf den „Großen Satan“, den einzigen Klebstoff, der ein unglückliches Volk an ein scheiterndes Regime bindet.

Ein Wort zum deutschen Rassismus …

Empörung macht mehr Spaß als Nachlesen. Gesagt hat der FDP-Landeschef Hahn: „Bei Philipp Rösler würde ich gern wissen, ob unsere Gesellschaft schon so weit ist, einen asiatisch aussehenden Vizekanzler … zu akzeptieren.“ Ist das Rassismus oder Anti-Rassismus? Hahn hat sagen wollen, es gebe einen „unterschwelligen R., den man nicht totschweigen sollte“. Hat ihm aber nüscht jeholfen, sagt der Berliner; jetzt wird druffjehaun. „Immer nur von der Festplatte reden“, möchte man Hahn zurufen; dann kann nichts passieren. Rassismus- und Sexismus-Anklagen sind einfach zu nützlich im Kulturkampf, um fair und bedacht eingesetzt zu werden.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“.

Fragen: fal

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