Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

Kampfansagen, weder A noch B sagen und um Rohmilchkäse streiten.

Benedikt XVI. gibt sein Amt auf. War er ein guter Papst?

Das hängt von der Perspektive ab. Aus einer weltlich/protestantischen war er es nicht, weil er mit Reformen gegeizt hat, bei der Sexualethik zum Beispiel. Gläubige Katholiken aber wissen, dass tausend Jahre Dogma nicht gekippt werden können, ohne am Kern zu rütteln. Zwischen diesen beiden Mühlsteinen hätte Benedikt aber viel schärfer bei den Missbrauchskandalen durchgreifen müssen. Kein Dogma hindert eine Institution an der Selbstreinigung und der Wiedergutmachung von Unrecht. Solche Schritte machen die Kirche stärker, nicht schwächer.

Obamas Rede an die Nation: Wird dieser Präsident noch ein ganz großer?

Auch diese Antwort hängt von der Perspektive ab. Obama will die nächsten vier Jahre nutzen, um Amerika zu „sozialdemokratisieren“ – mit mehr Staat, Steuern und Umverteilung. Die Frage ist, ob Amerika das will. Das Land ist auf einem anderen ideologischen Nährboden entstanden als Europa mit seiner alten etatistischen Tradition. Statt Größe zu erringen, könnte sich Obama in vier Jahren Kulturkampf verzetteln, zumal ihm eine uramerikanische Eigenschaft fehlt: die Kompromissfähigkeit und der Willen, die Opposition einzubinden. Das hat er schon in der ersten Amtszeit nicht geschafft, und die Rede an die Nation liest sich wie eine Kampfansage. Nach den Kongresswahlen 2014 wissen wir mehr

In Syrien gibt es bisher 70 000 Tote und 700 000 Flüchtlinge. Ab wann macht sich der Untätige mitschuldig?

Der Untätige macht sich mitschuldig, wenn er helfen kann, es aber nicht tut. Was der Westen kann, hat er in Libyen und Mali gezeigt: die schnelle, risikolose Intervention, gefolgt vom raschen Abzug. Doch erst danach wird’s interessant. In Syrien müssten die Eingreifer die Verlierer (zumal die Alawiten) vor der Rache der Sieger schützen – also bleiben, um eventuell gegen die Gewinner zu kämpfen. Und dafür zu sorgen, dass die alte Diktatur nicht durch eine neue ersetzt wird. Beim humanitären Einsatz gilt immer: Wer A sagt, muss bereit sein, B und C zu sagen.

Ein Wort zur atlantischen Freihandelszone …

Eine prächtige Idee, US-EU ist der größte Markt auf Erden (fast eine Billion Dollar an Handel, fast vier an Investitionen). Bloß sind das Haupthindernis nicht Zölle (drei Prozent im Durchschnitt), sondern Regulierungen, welche die Macht etablierter Produzenten sowie die verschiedenen Kulturen widerspiegeln. Wenn die Amis Rohmilchkäse und die Euros Genmais zulassen und beide die Subventionen für Boeing und Airbus streichen, können wir uns den wirklich harten Fragen zuwenden, z. B.: In welcher Farbe sollen unsere transatlantischen Autos blinken? An der Idee aber gibt es nichts zu nörgeln.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. Fragen: mos.

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