Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

Rote Linien ziehen, um Verzeihung bitten, sich bei Bush bedanken.

Syrien setzt angeblich Chemiewaffen gegen die Rebellen ein. Müssen die USA nun eingreifen?

Obama will nicht, obwohl er den C-Waffen-Gebrauch als „rote Linie“ definiert hat. Kein Wunder: Wer die Kampfmittel kassieren will, müsste an die 75 000 Soldaten entsenden, wie eine gängige Zahl in Washington lautet. Aus der Luft bombardieren geht nicht; dann setzt man just das Nervengas frei, das gesichert werden soll. Amerika will nicht zum vierten Mal (seit 1990) in einen Krieg in Nahost ziehen. Andererseits macht Obama so auch die Drohungen gegen Irans Atomrüstung zunichte. Man möchte nicht in seiner Haut stecken.

Serbien bittet um Verzeihung für die Massaker von Srebrenica. Ist das Land nun reif für die EU?

Interessanterweise erwähnt der jüngste EU-Fortschrittsbericht Srebrenica mit keinem Wort. Es gibt nur die übliche Floskel: „Diskriminierung aufgrund von Ethnie, Geschlecht und sexueller Ausrichtung ist noch weit verbreitet.“ Ansonsten moniert die EU die fehlende Zivilkontrolle über das Militär sowie den „geringen Fortschritt bei den Bürgerrechten“. In allen anderen Bereichen rangieren die Zensuren zwischen Zwei und Drei. WmdW hält die Entschuldigung („auf Knien“, „Verbrechen im Namen unseres Volkes und Staates“) für ziemlich stark; andere bekritteln das Fehlen des Wortes „Völkermord“. 8000 Gemordete sind ein unaussprechlicher Horror, egal wie man es nennt.

Die PKK zieht sich aus der Türkei zurück. Das Ende des Konflikts?

Vielleicht, zumal Ankara den Kurden schon seit Monaten mehr kulturelle Autonomie zugesteht. Viel wichtiger als Entspannungsursache ist aber der De- facto-Staat, den die Kurden im Nordirak aufbauen; in diesen sicheren Hafen ziehen sich auch die 1500 PKK-Kämpfer zurück, was vor dem Ende Saddams nicht möglich gewesen wäre. Seit 500 Jahren gibt es kein „Kurdistan“ mehr. Jetzt entsteht hier ein Proto-Staat, der anscheinend den Druck vom türkischen Kessel nimmt. Die Kurden sind sozusagen die Kriegsgewinnler des Bush-Feldzugs. WmdW weiß allerdings nicht, ob sie ihm ein kleines Dankeschön nach Texas geschickt haben.

Ein Wort zu Amerika ...

Gute Nachricht für zwei Millionen Flugreisende pro Tag. Obamas Luftaufsichtsbehörde FAA hatte ein durchsichtiges Spiel aufgezogen, um den Kongress zu zwingen, seine Steuer- und Ausgabenerhöhungen abzusegnen: Entweder ihr unterwerft euch, oder wir schicken Lotsen in den Zwangsurlaub und sorgen so für landesweite Flugverspätungen. Der Schuss ging nach hinten los. Demokraten wie Republikaner peitschten ein Gesetz durch, das die FAA zur Wiedereinstellung zwang. Obama muss pragmatischer werden.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. Zurzeit lehrt er Politikwissenschaft an der Stanford University. Fragen: mal.

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