Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

Obamas Lack ist ab, Putin hilft Assad, die SPD bleibt konservativ.

Um Barack Obama türmen sich Skandale. Wie bedrohlich sind sie?

Jeder Präsident bröselt in der zweiten Amtszeit, siehe Clinton und Monica. Obamas Problem ist ernster. Die drei Skandale – die geschönten Sprechzettel zu Bengasi, die nachgezogene Telefonkontrolle der AP, der Einsatz des Finanzamtes IRS gegen missliebige Gruppen – verdichten sich zu einem Übergriff der Staatsmacht, den man so massiv zuletzt unter den bösen Rechten, der Nixon-Regierung, erlebt hat. Die liberalen Medien spielen Bengasi und IRS herunter, nicht aber die Beschlagnahmung der AP-Telefonprotokolle – da geht’s ans eigene Eingemachte. Wie es ausgeht? Skandale, Aktien und Wetter teilen eine unberechenbare Dynamik. Trotzdem wettet WmdW: Obama wird’s überstehen. Aber der Lack ist ab.

150 Jahre SPD. Was wünschen Sie ihr?

Ich wünsche der ältesten und anständigsten deutschen Partei (Nein zu Ermächtigungsgesetz und Zwangsvereinigung mit den DDR-Kommunisten), dass sie wieder eine Fortschrittspartei wird. Sie glaubte einst an Technik, Wachstum und Aufstieg (weshalb sie dem Proletariat auch Selbstverbesserung wie Bildung verschrieb). So bekam sie 1972 fast 46 Prozent. Sie ist heute konservativ, also bewahrend und sicherheitsfixiert. Zur Moderne fällt ihr wenig mehr ein als ein expandierender Wohlfahrtsstaat. Ihr heutiger Anteil von 25 Prozent ist identisch mit dem schrumpfenden Industrieanteil am Sozialprodukt, was nichts Gutes verheißt. Sie müsste eine Wählerkoalition zusammenschirren, die auch die Gewinner des Wandels umfasst. Die SPD müsste der Zukunft zugetan und im Wortsinn progressiv sein.

Aufregung um geklonte Embryonen. Ist der Mensch doch nicht einzigartig?

WmdW möchte auf keinen Fall geklont werden. Seine Verdopplung hätte schreckliche Folgen für ihn selbst. 1. würde er sich andauernd selber beobachten müssen, also sehen, wie er Spaghetti reinzieht oder wieder ein paar Pfund zugelegt hat. 2. würde er andauernd mit sich selber zusammen sein. 3. würde er dabei von seinem Double nichts erfahren, was er nicht schon selber weiß/fühlt/meint. Die Unterhaltung würde hundertprozentig einseitig sein – eine Strafe, die sich nicht einmal Dante für das Inferno seiner „Göttlichen Komödie“ ausdenken konnte.

Ein Wort zu Amerika ...

Syrien beendet 20 Jahre Ruhe unter den Großmächten. Moskau fordert Amerika zum ersten Mal seit Ende der Sowjetunion eindeutig heraus, indem es zwölf Kriegsschiffe an Syriens Küste schiebt und moderne Abwehrraketen an Assad liefert, die ein Flugverbot zum Albtraum machen. Das Signal: Wir und Iran werden Assad um jeden Preis retten. Putin hat die Selbstschwächung Amerikas unter Obama registriert und nutzt sie aus – klassische Großmachtpolitik.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“.

Zurzeit lehrt er Politikwissenschaft

an der Stanford University. Fragen: mal.

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