Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

NSA-Spionage abwehren, Chemiewaffen zerstören, Westerwelle schätzen.

Weiter Wirbel um die NSA. Was kann Deutschland tun, damit Amerika solche Spionage beendet?

Ganz einfach. Wenn das „Nest“, alias US-Botschaft, Mikro- und Millimeterwellen anzapft, kann man die Sensoren mit Lowtech-Mitteln blenden. „Wie du mir, so ich dir“ verschafft Respekt unter Freunden. Etwas komplizierter ist die Abwehr eines Angriffs auf Computer und Glasfaserkabel. Aber es geht. Der Cyberkrieg ist wie ein richtiger: Mal ist die Offensive, mal die Defensive vorn. Aber er erfordert Aufrüstung, vor allem mit Köpfchen. Die Deutschen müssen mitziehen oder ihre Empörungslust zügeln. Die Pose des moralisch Überlegenen macht echt Spaß, aber was dann? Inzwischen hat Berlin auch Verbündete gegen die NSA im US-Kongress. Demokraten wie Republikaner werden immer nervöser, wenn sie den Frankenstein betrachten, den der „Patriot Act“ von der Leine gelassen hat.

Syrien hat seine Chemiewaffenanlagen zerstört. Ein Triumph der Diplomatie?

Ja, zumal unter dem Glacéhandschuh die gepanzerte Faust eines Bombenangriffs lauert. Machen wir uns trotzdem nichts vor: Anlagen zu zerstören ist einfach, die Waffen zu demontieren ein waghalsiger, langer und kostspieliger Prozess. Amerika wollte mit dem eigenen Arsenal in diesem Jahr fertig werden; jetzt ist 2018 das nächste Datum. Außerdem: Der Krieg, in dem ganz gewöhnliche Munition an die 100 000 Opfer gefordert hat, geht munter weiter. Mehr noch: Mit dem Bauernopfer der C-Waffen hat Assad seinen Spielraum auf dem konventionellen Schlachtfeld vergrößert. Darüber führen die Rebellen inzwischen wortreich Klage.

Das Kopftuch zieht ins türkische Parlament ein. Wird das Erbe von Kemal Atatürk verraten?

Ein Kopftuch ist doch sehr hübsch, zumal eines von Hermès oder Gucci. Außerdem ist Verhüllung immer sexier als Entblößung. Diese modische Wertung ändert allerdings nichts daran, dass Erdogan die Re-Islamisierung seines Landes gezielt vorantreibt. Früher hat er seine Töchter zum Studium ins Ausland geschickt, damit sie das Haar verhüllen konnten. Vor 14 Jahren wurde einer Abgeordneten, die mit Esarp/Türban im Parlament erschien, der Sitz und die Staatsbürgerschaft abgenommen. Inzwischen geht es nicht ums Tuch, sondern um den Trend, und der heißt „Zurück zur Vor-Atatürk-Zeit“. Ob das gut ist für die Türken, müssen sie selber entscheiden. Am besten, indem sie die Erdogan-Partei abwählen.

Ein Wort zum nächsten Außenminister...

WmdW will Guido W. haben. Der sagt nie etwas Anstößiges, verstrickt Berlin nicht in ungewinnbare Kriege um einen permanenten Sitz im UN-Sicherheitsrat, lächelt immer lieb und freundlich. So hat er stets Sympathie für Deutschland angehäuft, was in der Außenpolitik von hohem Wert ist.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. Fragen: mal

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