Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

Dem Iran die Bombe lassen, große Koalition würdigen, die Regierung abschaffen.

Ist das Atomabkommen mit dem Iran ein „historischer Fehler“, wie Israels Regierung meint?

Was historisch ist, bestätigt erst die Historie. Im Kern ist das Interimsabkommen ein Stop-and-go-Vertrag. Der Iran hält auf dem Weg zur Bombe an, kann die Arbeiten aber jederzeit wieder aufnehmen. Beispiel: Es entkoppelt, entfernt aber nicht den (oberen) Teil der Zentrifugenkette, die stärker als auf fünf Prozent, also in Richtung Waffenreinheit, anreichert. Dafür gibt’s Sanktionserleichterungen von 20 Milliarden-plus Dollar, wie WmdW ganz grob schätzt. Fazit: Es ist zu spät, dem Iran das Gerät zur Bombe zu nehmen. Nur der Weg dahin kann noch verlängert werden. Aber 18 Monate sind besser als sechs.

Ist die Klimavereinbarung von Warschau überhaupt „historisch“?

Sie hat nur die blockierten Bremsen auf dem Weg nach Paris 2015 gelöst. Es gibt keine neuen Verpflichtungen. Die Welt hat 2012 den CO2-Ausstoß um zwei Prozent erhöht. Das zeigt, dass Klimaschwüre (Kioto war 1997) nicht fruchten. Die Welt steckt pro Tag eine Milliarde Dollar in ineffiziente Erneuerbare, statt in Gaskraftwerke (mit halbem CO2-Ausstoß), Stromspeicher- Technik (die Solar und Wind erst sinnvoll machen) oder CO2-Abscheidung zu investieren. Wenn Untergangsvisionen nicht greifen, muss intelligentes Wirtschaften her.

Der Rat der Wirtschaftsweisen hat die Nicht-so-große-Koalition kritisiert und eine Art Agenda 2020 gefordert. Warum nerven die Profs?

Die Herren (und eine Dame) verstehen nichts von Politik. Das deutsche Volk hat die Koalition bekommen, die es gewählt hat. Es will das Rundum-Sorglos-Paket und etwa 60 Milliarden an neuen Goodies. Das wird die Kanzlerin lehren, den Krisenländern Sparsamkeit und Reformen aufzuzwingen. Was ungenügend gewürdigt wird: Die Koalition symbolisiert europäische Solidarität. Deutschland passt sich den anderen an, nicht umgekehrt. Über Kosten stimmen wir 2017 ab. Wirtschaftsweisen, bleibt bei eurer Ökonometrie! Für Ruhe und Ruhigstellung sorgt die Koalition.

Ein Wort zum Immer-noch-nicht-Außenminister ...

Seit zwei Monaten ist der Bundestag quasi im Zwangsurlaub, der Außenminister auf Abruf, und keiner merkt es. Das heißt: Dieses Land ist so wohlgeordnet, dass es sich selber regieren kann. Karl Marx hat gesiegt: Die Herrschaft über Menschen wird ersetzt durch die Verwaltung von Sachen. Dass wir ohne AM leben können, lässt auch vermuten, dass wir keine Außenpolitik brauchen; ein Verlautbarer von anheimelnden Allgemeinplätzen dürfte reichen. An Stelle des Bundestages setzen wir den 77-köpfigen Koalitionsausschuss, der alle vier Jahre tagt und so rund 600 begabte Menschen für produktive Arbeit freisetzt.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. Fragen: mal.

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