Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

Erdogan eskalieren lassen, Putin triumphieren sehen, Lehren aus WK I ziehen.

Regierungsumbau in der Türkei: Hat Erdogan seine Karten überreizt?

Das tut der Mann seit zehn Jahren, um sich und seiner Partei die Alleinherrschaft zu sichern. Früher ging er allerdings subtiler und geduldiger vor. Doch seit einem halben Jahr, als eine Protestwelle durchs Land rollte, entpuppt er sich als ein Mann, dem der Realitätssinn entgleitet. Jetzt legt er sich mit zwei Säulen des Staates an: der Polizei und der Gerichtsbarkeit. Seine einst breite Koalition zerfällt, die Lira ist in zehn Tagen um sieben Prozent abgestürzt, die Regierung muss für Anleihen zehn Prozent (!) bezahlen. Trotzdem wird dieser Neuzeit-Kalif nicht freiwillig abdanken, sondern eskalieren.

Für wen war 2013 besser, für Obama oder für Putin?

Ist das eine Fangfrage? Natürlich Putin. Er hat es geschafft, Russland zu einem Schlüssel-Player in Nahost zu machen – vierzig Jahre nachdem die USA die UdSSR aus der Region vertrieben hatten. Er hat das Duell um die Ukraine gegen die EU gewonnen, wie er überhaupt das „nahe Ausland“ wieder unter Moskaus Vorherrschaft zwingt. Während sich Obama mit Kongress und Justiz herumschlagen muss, kann Putin behaupten: „Ja gosudarstvo“ – der Staat bin ich, was „Sonnenkönig“ Ludwig XIV. als Erster auf Französisch gesagt hat.

In Ägypten werden die Muslimbrüder verboten. Ist das ein Schritt vorwärts oder rückwärts?

Rückwärts in dem Sinne, dass sie vor dem sogenannten Arabischen Frühling schon mal verboten waren und heute wie seit Nasser wieder ein Militärregime herrscht. „Mit Bajonetten kann man alles Mögliche machen, nur nicht auf ihnen sitzen“ – was wahlweise Talleyrand, Napoleon oder einem spanischen Sprichwort zugeschrieben wird. Das Militär als Modernisierer? Das hat nirgendwo in der islamischen Welt funktioniert. Ausnahme: die Türkei vor Erdogan, wo die Armee immer wieder geputscht und sich zurückgezogen hat. Wachstum und Demokratisierung läuft nicht ohne Rechtsstaat und Marktwirtschaft. Das Militär kontrolliert knapp die Hälfte der ägyptischen Wirtschaft.

Hundert Jahre Erster Weltkrieg: Was ist die Lehre aus 1914?

Erstens, dass gegenseitige wirtschaftliche Abhängigkeit den Krieg nicht verhindert. Deutschland und England waren 1913 die zweitbesten Kunden füreinander. Es herrschte höhere Freizügigkeit als heute, Zar, King und Kaiser waren eng miteinander verwandt. Zweitens: Aufsteigende Mächte, wie weiland Wilhelminien, bedeuten immer Trouble. Sie müssen entweder eingebunden oder eingedämmt werden. Drittens: Heute sind wir klüger. Wenn die Europäer 1914 gewusst hätten, was sie 1918 erwartete, wären sie nicht frohgemut losmarschiert. Im Schatten der Atombombe kennen wir die Konsequenzen.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. Fragen: mal.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!