Vier Fragen an Josef Joffe : Was macht die Welt?

Tanzen wie die Amis und am Ufer der Weichsel das Wasser beobachten

Laut einer Umfrage hat Amerika im gesamten Westen das negativste Image in Deutschland. Liegt das nur an Bush?

Anti-Amerikanismus gab es vor Bush und wird es auch nach ihm geben. Wie sich Amerika unter Bush verhalten hat, ist nur ein Teil des Problems. Denn Amerika ist seit jeher der Rammbock der Moderne, und seit 1945 auch die größte Macht auf Erden; es ist Traum und Albtraum, es verstört und verlockt zugleich. Wir essen, gucken, hören, tanzen und kleiden uns wie die Amis, mögen aber Amerika nicht, weil es prüde, geldgeil, selbstbezogen, materialistisch und wurzellos ist. Oder weil es das Gegenteil ist: schamlos, traditionsverhaftet, raumgreifend ultranationalistisch und hyperreligiös. Bevor wir aber mit den Kids im Cherokee auf die Umweltdemo fahren, downloaden wir erst noch diesen Blockbuster mit Lucas-Dolby-Sound. Mein Apple ist übrigens hipper als dein Windows. Aber bleib’ cool, wir seh’n uns.

Tony Blair wird Nahostbeauftragter. Wer macht nun dort die Politik Großbritanniens: Blair, Brown oder sein neuer Außenminister Miliband?

Keiner, auch nicht Bush & Rice, weil kein einzelner Arzt mit den Pathologien dieser Region fertig werden kann. Die Ausnahmen sind Kuwait, Dubai und Co., die es schaffen, rasante Entwicklung mit dosierter Liberalisierung zu verbinden. Die großen Staaten bleiben erstarrt im Despotismus, und jetzt morden sogar Palästinenser andere Palästinenser. Von außen kann allenfalls Palliativmedizin verabreicht werden – und ein Maß an strategischer Stabilisierung, damit aus kleinen Kriegen keine großen werden.

Was belastet die EU-Beitrittsverhandlungen der Türkei mehr: Der Wahlsieg des Franzosen Nicolas S. oder die Inhaftierung des Deutschen Marco W.?

Das ist, als wenn man fragt: Was macht den Bodensee voller – der Regen oder die Schneeschmelze? Entscheidend ist das Gewässer als solches, und so ist es auch mit der Türkei, wo längst die unausgesprochene Verständigung herrscht: Ihr könnt alles von der EU haben, aber nicht die volle Mitgliedschaft. Politisch ist das verständlich, weil die EU zu viele Konflikte importieren würde: Islamismus vs. Modernität, Parlament vs. Generalität, Nationalismus vs. Minderheiten wie Kurden. Strategisch aber müssen Nato und EU alles tun, um die Türkei an den Westen zu binden.

Ein Wort zur deutschen Außenpolitik …

Kaum hat Merkel auf dem Gipfel geschickt einen vielseitigen Kompromiss hingebogen, da meutern die Polen schon wieder. „WmdW“ meint: niedriger hängen. Die neuen Stimmengewichte sollen erst in zehn Jahren greifen. Da wird noch viel Wasser durch die Weichsel fließen. Durch Spree, Seine und Themse auch. Und Europa wächst weiter.

Der Autor ist Herausgeber der „Zeit“. Fragen: mos.

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