Zeitung Heute : Vier Tage und zwei Stunden

Benedikt XVI. wird in Polen bejubelt – in Auschwitz spricht er vom Versagen der Worte

Thomas Roser[Warschau]

Es ist Sonntagnachmittag, 20 nach fünf, der Papst, der nicht der Papst der Gesten, sondern ein Papst des Wortes ist, geht allein, vor aller Augen, durch das Tor von Auschwitz, er geht und geht, 300 Meter weit, Wind fährt in die weiße Soutane, Glocken läuten, und er schweigt.

1979 ist er schon einmal hier gewesen, als Begleiter seines Vorgängers Johannes Paul II., bei dessen erster Reise nach Polen als Papst. Ein Jahr später besuchte er Auschwitz abermals, er ging in die Todeszelle des Franziskaners Maximilian Kolbe und hat dort gebetet.

Er geht zum Block Nummer 11, dem Todesblock, dem einstigen Lagergefängnis, er steht auf einem Hof zwischen Backsteinhäusern, vor der Todesmauer, und er legt die Hände ineinander. Die ersten Worte, die fallen, wechselt er mit 32 Überlebenden des Lagers, die hier auf ihn gewartet haben, er drückt ihnen die Hände, streichelt das Gesicht einer alten Frau, küsst die Wangen eines alten Mannes.

Er verlässt den Hof, betritt Kolbes Todeszelle, es hat sich nichts verändert hier in den vergangenen 26 Jahren, Maximilian Kolbe, Pole, Märtyrer, heilig gesprochen 1982, weil er sein Leben hergab im August 1941, damit das eines anderen verschont werde.

Benedikt XVI. ist in Polen, vier Tage lang reiste er auf den Spuren seines Vorgängers durch das Land, Warschau, Tschenstochau, Krakau, Wadowice, die letzte Station ist das Vernichtungslager. Hunderttausende empfingen ihn, sie hielten sich an das Alkoholverbot, das Ministerpräsident Kazimierz Marcinkiewicz für diese Zeit erlassen hatte, sie waren erwartungsfroh und freundlich.

„Wir danken dir, wir lieben dich!“, riefen die Gläubigen, wenn der zumeist italienisch sprechende Papst von seinem Lautschrift-Manuskript einige Sätze auf Polnisch ablas. Vorbehalte gegen die Nationalität ihres Kirchenherrn waren bei den Messen keine zu spüren. „Warum zitiert er nicht wenigstens Goethe auf Deutsch?“, klagte gar eine TV-Kommentatorin, als der Papst selbst den deutschen Dichter auf Italienisch rezitierte.

Die Lieblingslieder seines Vorgängers sangen die Gläubigen, wenn Benedikt aus dem Fenster des Krakauer Bischofspalastes zu ihnen sprach. Beifall kam, wenn er an Johannes Paul erinnerte oder dessen baldige Seligsprechung andeutete. Er sei in Wadowice, der Geburtsstadt seines Vorgängers, „voller Emotionen“, sagte Benedikt am Samstag. Als „Benedikt aller Polen“ bezeichnete ihn die Tageszeitung „Zycie Warszawy“. „Er hat das Eis gebrochen“, schrieb „Dziennik“.

Für viele Polen hat Benedikt ein Jahr nach dem Tod „ihres“ Papstes mit seiner Gedenkreise wichtige Trauerarbeit geleistet. Der Soziologie-Professor Edmund Wnuk-Lipinski sagte, für die Gläubigen bedeutete der Besuch „die Rückkehr zur Normalität – die Verabschiedung eines außergewöhnlichen historischen Zeitraums, in dem der Papst ein Pole war“.

In Auschwitz hat es zu regnen begonnen. Benedikt schreitet Gedenktafeln ab, vor jeder betet er kurz. Die Tafeln stehen zwischen den vier Krematorien. Hinter ihm, am Himmel, zeigt sich ein Regenbogen. Die Fernsehkameras fangen ihn ein.

Wieder Gebete, Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, spricht eines, ein russisch-orthodoxer Bischof, ein Jude, ein evangelischer Bischof. Dann Benedikt XVI. Er spricht es auf Deutsch.

Im Todesblock saß 1942 auch der Schauspieler August Kowalczyk. „Wie gestern“ erinnere er sich noch an die Gewehrsalven der Exekutionen, sagt er. Er ist 85 Jahre alt und Vorsitzender des Polnischen Verbands der Nazi-Opfer. Obwohl Kowalczyk alljährlich mit deutschen Freunden an der Rampe von Auschwitz-Birkenau der Ermordeten gedenkt, ist für ihn die Begegnung mit einem deutschen Papst ein nahezu unfassbares Symbol: „Ist das nicht ein Wunder, dass ich genau 64 Jahre nach den Exekutionen auf der anderen Seite des Zellengitters stehe? Mit einem Menschen, der die gleiche Nationalität hat wie meine Peiniger, aber die Soutane des höchsten Würdenträgers der Kirche trägt?“

Benedikt hält eine Rede. Für einen Christen und Papst, der aus Deutschland komme, sei es hier „besonders schwer und erdrückend, fast unmöglich“ zu sprechen, sagt er, er spricht von einem „Versagen der Worte“: Doch gerade „als Sohn des deutschen Volkes“ habe er sich des Besuchs von Auschwitz „unmöglich“ verweigern können: „Ich musste herkommen. Es war und es ist eine Pflicht der Wahrheit und dem Recht derer gegenüber, die gelitten haben.“

Die „Gnade der Versöhnung“ erbittet Benedikt, und er stellt die Frage: „Wo war Gott damals, an jenen Tagen?“ Er antwortet selbst, mit einem Psalm. Und er sagt: Wir können in Gott nicht hineinblicken, wir sehen nur Fragmente. Doch wir müssen ihn um Hilfe anschreien, ein Schrei, der auch in unser eigenes Herz hinein geschrien werden muss, damit es wach bleibt und weiterschlägt, dass es nicht vom Schlamm der Eigensucht und Gleichgültigkeit und Niedertracht bedeckt wird.

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