Zeitung Heute : Vier + vier = 336

Robert Birnbaum[Ulrike Fokk] Markus Feldenkirchen[Ulrike Fokk]

Alle, alle sind sie da. Johannes B. Kerner sitzt kurz hinter Doris Schröder-Köpf. Rechts außen Roland Koch, ganz in der Nähe Kurt Biedenkopf. Helmut Kohl ist gekommen, und Angela Merkel hat extra ihr schönes schwarzes Kleid angezogen, das, in dem sie sich einst zur Parteivorsitzenden wählen ließ. Hinten links drängeln sich dezent die Spitzenbeamten um die letzten freien Plätze in der Nähe des Kanzlertisches. Sind wir hier etwa schon auf dem Bundespresseball? Nein, man hört keine Musik. Dann muss es sich wohl doch um eine Bundestagssitzung handeln. Eine besondere, eine mit Vertrauensfrage des Kanzlers, eine mit allem Schnick und Schnack, sogar eine über Krieg und Frieden, wie mehrfach betont wurde.

Wenn man das nicht vorher gewusst hätte, man hätte es nicht gemerkt. Überwiegend schlappe Reden werden gehalten, die Aufregung hält sich in Grenzen, nur der FDP-Vorsitzende wirkt wie gedopt, während die Grünen die Probleme der Welt auf den Schultern tragen. Alles wie immer. Hallo, möchte man am liebsten von der Besuchertribüne herunterrufen, das hier ist eine historische Stunde.

Der Kanzler hat es vor allem eilig, er spricht als Erster, und er spricht sich als Erster das Vertrauen aus, indem er die blaue Stimmkarte in die Urne gleiten lässt. Gerhard Schröder sagt Ja zu diesem Kanzler. Wenn er allerdings mit seiner Rede irgendjemanden überzeugen müsste - es wäre schlecht um ihn bestellt. "Der Kampf gegen den Terror wird lange dauern", sagt Schröder. Zum wievielten Mal? Dann kommt das Standardlob für den Außenminister, der "gemeinsam mit seinen europäischen Kollegen den Friedensprozess im Nahen Osten voranbringt". Schon wahr, aber wie geht der Krieg in Afghanistan weiter? Und wird er auf andere Länder ausgedehnt?

Dazu kein Wort, dafür dann der schwächste Teil seiner schwachen Rede: Der Kanzler versucht zu begründen, warum er die Vertrauensfrage stellt. Das geht schief, weil es schief ist. Als er von der "Verlässlichkeit unserer Politik" spricht, schallt ihm das Gelächter der Opposition entgegen. Dann staubt wieder die Bürokratensprache aus ihm heraus: "Dieses ist wichtig zum Ausdruck gebracht zu werden." Der Kanzler der Bundesrepublik Deutschland vertieft sich daraufhin noch in juristische Feinheiten zu der Frage, ob er tun darf, was er tut, nämlich die Vertrauensfrage mit einer Sachfrage verbinden. Er sagt, er darf es. Das ist beruhigend, dass das alles hier nicht illegal ist.

Das große Mauscheln

Diese mit Spannung erwartete Sitzung wirkt ein wenig so wie ein dramatisches Fußball-Endspiel, bei dem das Ergebnis schon vorher ausgelost wurde. Die Entscheidung über die Zukunft von Rot-Grün fällt tatsächlich nicht an diesem Mittag. Sie ist schon vorher ausgemauschelt worden, des Nachts unter 16 Augen in dem kleinen Raum gegenüber dem Fraktionssaal der Grünen.

Die Nacht war kurz für Winfried Hermann, den Abweichlerischsten der acht grünen Abweichler und den Überzeugtesten. Um drei Uhr morgens lag er endlich im Bett, um Viertel vor sechs klingelte schon wieder der Wecker. Er wie die anderen Sieben wurden von den Parteigranden tagelang bearbeitet, liebevoll und gewaltfrei, wie offiziell betont wird. Obwohl man, wenn das stimmt, nur schwer erklären kann, warum Christian Simmert irgendwann ermattet aushaucht: "Ich bin jetzt gar." Aber auch die Gegenseite wirkt geschafft. Ein robuster Schwabe sagt: "Davon erholt man sich nicht einfach so."

Gut habe er geschlafen, sagt Hermann. Keine Gewissensbisse und keine Zweifel hatte er am Morgen über die spät in der Nacht gefallene Entscheidung, er nennt sie stolz: historisch. Er würde zusammen mit Hans-Christian Ströbele, Christian Simmert und Annelie Buntenbach dem Kanzler das Vertrauen verweigern. Die anderen vier Abweichler - Steffie Lemke, Irmingard Schewe-Gerigk, Silvia Voss und Monika Knoche - würden ihre Stimmkarte in die Ja-Urne werfen. "Die mit Ja stimmen, stimmen mit für die, die mit Nein stimmen und umgekehrt", erklärt Simmert die höhere Mathematik der Gegner. Die Abweichler von der Abweichung hätten sich quasi geopfert für die Aufrechten, um die Koalition zu retten.

Die Idee war ihnen am Donnerstag schon ziemlich früh gekommen. Auf der Fraktionssitzung am Abend wurde der Vorschlag denn auch schnell Konsens, war doch der Rechentrick die einzige Möglichkeit, die Koalition zu retten.

Nachdem Irmingard Schewe-Gerigk bereits im Laufe des Tages mitgeteilt hatte, für die Koalition zu stimmen, fehlte rechnerisch nur noch eine Stimme zur Kanzlermehrheit. Aber sicher ist sicher. Mit den anderen Abweichlern hat Winfried Hermann deswegen nach der Sitzung noch die halbe Nacht zusammengesessen, diskutiert und gerechnet. Vier plus vier, das schien ihnen eine saubere Lösung. "Es wurde alles diskutiert", sagt Simmert. Lange haben sie mit sich gerungen. "Wir können nicht anders", haben Simmert, Hermann und Buntenbach gesagt und sind bei ihrer Ablehnung geblieben. Ebenso wie Ströbele, der sich den ganzen Tag schon damit interessant gemacht hatte, er habe sich entschieden, ohne zu sagen, wofür.

Dabei wäre das leicht auszurechnen gewesen, weil er der Erfahrenste unter den Dissidenten ist. Weil er sein Nein noch gut brauchen kann - für den Parteitag in einer Woche und für die Listenaufstellung in Berlin in zwei Monaten. Ströbele, der auch wenig geschlafen hat, wird nach der Abstimmung sehr frisch aussehen. Ihm steht zur Belohnung dafür, dass er die Koalition an den Rand des Ruins gebracht hat, eine reiche politische Ernte bevor.

100 bis 200 E-Mails in der Stunde habe er am Donnerstag bekommen, erzählt Hermann noch. "Winni, bleib standhaft" hätten ihm Grünen-Mitglieder und alte Weggefährten daheim in Baden-Württemberg geschickt. Er blieb standhaft, denn genau davon hängt auch seine eigene politische Zukunft ab. Auf der Landesliste Baden-Württemberg drängelt sich die männliche Parteiprominenz. Fraktionschef Rezzo Schlauch, Parteisprecher Fritz Kuhn und die Vorzeige-Grünen Cem Özdemir und Oswald Metzger wollen über die Liste in den nächsten Bundestag. Winfried Hermann ist der einzige Linke bei den Südwest-Grünen, der eben nur als ausgewiesener Linker eine Chance hat, auf einen vorderen Platz auf der Liste zu kommen. Aus so Kleinem wird so Großes.

So haben sie also gerungen mit ihren hehren und weniger hehren Motiven, sie haben das Für und Wider abgewogen und sich entschieden. "Wer verantwortungsvoll für eine Koalition gekämpft hat, kann sie nicht platzen lassen", sagt Winfried Hermann pathetisch vor der Stimmabgabe. Deswegen will er zumindest im verbleibenden Jahr der Koalition "daran arbeiten, dass wieder Vertrauen herrscht". Die Chancen darauf stehen aus seiner Sicht gut. Denn er hat nicht nur sich gequält, sondern auch andere: die Fraktionsmehrheit etwa. Der haben die Dissidenten das Versprechen abgerungen, in Zukunft mehr Beachtung und Einfluss zu bekommen. Noch mehr. So tief also war die Nacht der Entscheidung.

Auch wenn das Ergebnis dieser Abstimmung schon vorher feststand, spielen heute alle noch ihr Spiel, so gut sie können. Besonders elegant über die Flügel kommt an diesem Tag Friedrich Merz, der Fraktionsvorsitzende der Union. Er zerlegt präzise das klägliche Hin und Her, das die Regierung in den vergangenen Tagen geliefert hat. "Dies ist der Anfang vom Ende der Regierung Schröder", ruft er. Jene Grünen nimmt Merz sich vor, die nun für den Bundeswehr-Einsatz sind, weil sie vermuten, dass die Bundeswehr jetzt ohnehin nicht mehr zum Einsatz kommen wird.

Trotz seiner guten Rede - zwei amüsante, aber viel sagende Fehler macht Merz dann doch noch. Er beklagt, wie brutal mit den roten und grünen Abgeordneten umgegangen wurde, "die doch nur ihrem Gewissen verpflichtet sind". Da gehen alle Blicke zu dem Chorknaben in der siebten Reihe der Unionsfraktion, der jetzt so besonders breit klatscht, zu Helmut Kohl. Nein, niemals würde ein CDU-Mann Druck auf Abgeordnete machen, Ehrenwort. Kurz darauf macht Friedrich Merz noch die Erfahrung, dass Metaphern leicht nach hinten losgehen können. Gerhard Schröder sei ein "Kanzler ohne Unterleib". Dessen Blick geht gleich hinauf zu seiner Frau: Doris Schröder-Köpf kichert ausgiebig.

Merkwürdig, dass an einem solchen Tag des Regierens die Oppositionsreden die besten sind. Beispielsweise die von Joschka Fischer. Ja, der Außenminister tut so, als wäre er noch Oppositionsführer. Lustvoll attackiert er die frühere Regierungspolitik von Union und FDP. Fischer gelingt es, das Plenum zu polarisieren, die Regierung aus ihrer Lethargie zu reißen. Zurück auf dem Sessel, an dem er nicht klebt, auf dem er aber sitzen bleiben darf, freut er sich über seine eigene Rede wie Bolle. Fischer sagt Ja zu diesem Vizekanzler. Da freuen sich für einen Moment sogar die Grünen, die an diesem Tag sonst gar nichts zu lachen haben, die wie geprügelte Hunde in ihren Bänken sitzen. Die Rede von Fraktionschefin Kerstin Müller ist eine einzige Verteidigung, sie findet kaum Beifall, und wenn, dann fast nur in dem schmalen Sitzsegment in der Mitte des Plenums. Selten waren die Grünen in diesem Parlament so weit weg wie in diesen Minuten.

Das teilbare Gewissen

Ungewollt führt Müller in ihrem Bemühen, das Umfallen vieler Grüner zu rechtfertigen, noch einmal vor, wie nah beieinander Selbstzerknirschung und Selbstgerechtigkeit bei ihnen liegen. "Keine Partei hat sich so ernsthaft mit militärischen Mitteln auseinander gesetzt wie wir." Das glaubt sie wohl wirklich, dass die Grünen wieder die Ernsthaftesten waren, die mit dem größten Gewissen von allen.

Steffi Lemke spricht für die acht grünen Abweichler. Es ist die schwierigste Rede an diesem Tag. Noch schwieriger war nur das Schweigen von Christa Lörcher, die noch am Donnerstagnachmittag aus der SPD-Fraktion ausgetretenen war. Die Ostdeutsche Lemke muss erklären, warum heute, nach all diesem moralischen Aufwand der letzten Wochen, das Gewissen teilbar ist. Sie betont, der Dissens mit dem Bundeswehreinsatz bleibe bei allen acht bestehen, trotzdem würden vier mit Ja stimmen. Das sei eine strategische Entscheidung. Der Kanzler verdoppelt den Druck, die Abweichler halbieren ihre Stimmen. Kein schöner Tag für Steffi Lemke.

Dann die Abstimmung. 336 Abgeordnete vertrauen dem Kanzler und entsenden die Bundeswehr. Kanzler und Vizekanzler lachen. Freuen sie sich auch? Graust es Fischer nicht vor dem Parteitag in Rostock? Wären Schröder nicht Neuwahlen lieber? Politiker sind Schauspieler, glücklicherweise. Wer möchte schon immer der Wahrheit ins Auge sehen?

Dann geht es hinaus in die mixed zone, dahin, wo Medien und Politiker sich treffen. Müdigkeit und Erleichterung zeigen sich auf den meisten Gesichtern von Grünen und Sozialdemokraten. Manche Hände, die einem hingestreckt werden, sind immer noch feucht, manche sind eiskalt, manche schlaff wie sonst nie. Doch ist bei einigen Grünen noch genug Kraft da, um einen Blick nach vorn zu werfen auf den Parteitag. Dort werden sie dann den Delegierten erklären, dass man jetzt den Krieg unterstützen kann, weil die Bomben der Amerikaner, die man so vehement abgelehnt hatte, den Weg für die lieben deutschen Hilfslieferungen freigemacht haben. Jetzt kommt, so diese Lesart, der grüne Teil des Krieges. Der Selbstbetrug geht weiter.

Rezzo Schlauch, der unglücklich wirkt, antwortet auf die Frage nach der Demütigung heftig, sehr heftig: "Zur Demütigung gehören immer zwei. Einer, der demütigt, und einer, der sich demütigen lässt. Ich lasse mich nicht demütigen, weil ich nicht hin- und herschwanke wie eine Pappel im Wind." In der nächsten Woche muss er in Rostock an der Ostsee reden. Da ist der Wind noch stärker.

So, das war dann jetzt der historische Tag im Parlament, der wirkte wie ein Bundespresseball ohne Musik. Nun gehen alle nach Hause, quälen sich in mäßiger Feierstimmung in ihre Smokings und Kleider und feiern doch noch: den Bundespresseball. Udo Jürgens wird singen. Mehr hat das politische Berlin heute auch nicht verdient.

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