Zeitung Heute : Vietnamesisch trauern

David Ensikat

Wie ein Ost-Berliner die Stadt erleben kann

Der Papst hat mich nie sehr interessiert. Als ich 16 war und auf einem polnischen Flohmarkt nach Anstecknadeln mit Bildern meiner bevorzugten Rock- und Popgruppen suchte, war ich enttäuscht, dass sie überall nur ACDC und Johannes Paul (Jan Pawel) hatten. ACDC waren mir zu laut, und dass das Tragen von Jan-Pawel-Stickern letztlich den Ostblock ins Wanken brachte, war mir damals gar nicht so bewusst – außerdem hätte ich als reformiert Getaufter Huldrich Zwingli tragen müssen, aber den kannte ja nicht einmal die Stasi.

Nun hat mich der Papst eingeholt, und zwar beim Vietnamesen. Ich aß die 24, das war so ein Gemisch aus dünnen Nudeln, dünnem Rindfleisch, Thai-Basilikum und vielen Unbekannten, es schmeckte, wie soll man sagen, sehr unterschiedlich, auf jeden Fall so fantastisch, dass man immerzu denken musste: Mensch, diese Vietnamesen! Normalerweise laufen bei diesen Vietnamesen im großen Eckfernseher immer grelle vietnamesische Popvideos, welche vom Design her an die scheußlichsten Billig-Sitzgarnituren erinnern. Vom Klang her erinnern sie mich an gar nichts. Am letzten Freitag aber lief die Live-Übertragung der Papst-Trauerfeier, welche mich vom Design her an die Übertragung der Breschnjew-Trauerfeier erinnerte. Keine Ahnung, wie die Vietnamesen damals auf Breschnjews Bestattung reagiert haben, die Papst-Feier hat die Vietnamesen an den Nachbartischen auf jeden Fall sehr fasziniert. Da sie das Mitstäbchenessen auch ohne Hingucken beherrschen, konnten sie aufmerksam den römisch-katholischen Trauerriten folgen. Einer war von dem ganzen alteuropäischen Traditionalismus so überwältigt, dass er gar kein vietnamesisches Gericht orderte, sondern nur ein großes deutsches Bier. Mich versicherte er seines Mitgefühls mit der Bemerkung: „Is gut in Lom, nich’?“

Ich bestätigte ihm das höflich, obwohl ich eigentlich ganz froh war, gerade nicht in Rom, sondern hier zu sein. In Rom habe ich auch schon gut gegessen. Aber so was wie die 24 kriegen die Italiener niemals hin.

Der Vietnamese, bei dem ich die Beerdigung gesehen habe, ist ein Geheimtipp, den ich nicht verrate, ich hab’s versprochen. Aber es gibt ja viele andere.

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