Zeitung Heute : Villa Contessa

Kleine Häppchen und viele Desserts

Bernd Matthies

Villa Contessa, Seestr. 18, Bad Saarow, Tel. 033 631/58018, nur Abendessen, montags und dienstags geschlossen. Foto: Q

Aus Bad Saarow müsste sich was machen lassen. Genauer: Wenn sich aus Bad Saarow nichts machen lässt, dann kann Brandenburg den Tourismus auch ganz aufgeben. Es gibt dort den See und die Therme, ein paar ansehnliche Hotels, ein riesiges Sportangebot mit Golf, Reiten und Segeln, dazu Bahnanschluss und die Autobahn ums Eck. Was es bisher nicht gab, ist ein Restaurant, mit dem auch anspruchsvolle Gäste zufrieden sein können. Die „Villa Contessa“, ein winziges Hotel auf einem Seegrundstück gleich neben der Therme, könnte diese Lücke füllen. Das kleine Restaurant mit knapp 20 Plätzen steht seit einiger Zeit allen Hungrigen offen, die die Speisekarte vor der Tür entdecken und sich auch nicht davon abschrecken lassen, dass die Website des Betriebs kein Wort über das Essen verliert.

Drinnen dominieren Rosen, echte, künstliche. Aus Lautsprechern, die in Käfigen mit künstlichen Tauben getarnt sind, dringt klassische Musik, die Möbel sehen aus wie aus dem Speisesaal von Schloss Obermozart im Kitschgau. Ich mag das überhaupt nicht und würde deshalb in der Villa Contessa nur ungern übernachten wollen – aber das ist subjektiv. Zum Essen steht notfalls auch eine wunderbare Terrasse über dem See bereit, wo die barocken Ausstattungsorgien weniger stark ins Auge gehen.

Das Essensangebot entspricht der kleinen Küche und dem kleinen Gastraum: Es gibt nur ein Menü mit maximal sechs Gängen. Und dieses Menü hebt dermaßen an, dass wir ernsthaft erwogen, die Geschichte der brandenburgischen Gastronomie umzuschreiben. Fünf kleine Appetitanreger auf einem Teller, einer besser als der andere. Kalte, klare Gazpacho, ein halbes Wachtelei auf einer Spargelquiche, ein Pina-Colada-Sorbet, ein Stück Sardine gebraten auf einer Tomatentarte, schließlich eine dekonstruierte spanische Kartoffel-Tortilla – drei Pürees im Glas – wie vom Mega-Experimentator Ferran Adria. Sensationell! Es folgt eine Krebsterrine mit würzigem Safrangelee und Spargel, die das anfängliche Niveau durchaus hält. Aber dann...

Der Absturz beginnt mit einer Kohlrabisuppe, die in einer ausgehöhlten Knolle serviert wird. Sie schmeckt alkoholig, vage nach Gemüse, drin schwimmt ein Stück sehr weiche Gänseleber, deren kleine Sehnen dem Löffel entschlossen widerstehen. Die auf der Karte angekündigten Morcheln fehlen, die (sehr nette) Kellnerin sagt hinterher, ach ja, das habe sie vergessen anzusagen, tut ihr leid. Das eigentliche Problem dieser Küche taucht erst auf, als die Teller weg sind: das penetrante, brennende Gefühl auf der Zunge, das auf den massiven Einsatz von Glutamat („Maria hilf“) hindeutet. Ich kann’s nicht beweisen – aber wenn es das nicht war, haben sie eine perfekte Methode der Imitation gefunden. Denn auch das folgende „Suquet“ (preziös spanisch für eine Fischsuppe mit Knoblauch) von Jacobsmuscheln, Kaisergranat und drei Kartoffelkugeln nervt durch extreme, salzige Konzentration. Schließlich kommt ein Hauptgang, den ich überhaupt nur noch theoretisch verstanden habe: Es mag ja reizvoll sein, nachzuweisen, dass Thunfisch und Kalbsfilet halbroh zum Verwechseln ähnlich schmecken. Aber welchen kulinarischen Sinn könnte dieses Geschlabber stiften, außer vielleicht für Gäste, die ihre Zähne zu Hause gelassen haben? Die dennoch vorhandenen Unterschiede zwischen beiden Produkten wurden durch eine erneut brennend intensive Sauce endgültig eingeebnet.

Die nahezu perfekten Desserts zum Thema Rhabarber und die Petits fours ließen dann nur noch eine Frage offen: Warum fummelt ein Küchenchef, der offenbar handwerklich alles kann, derart mit den Sachen herum? Ist diese Küche das stilistische Pendant zu den falschen Rosen? Der Preis dafür ist zweifellos echt: Sechs Gänge kosten 75 Euro. Schade, dass auch die Weinkarte kaum Trost spendet. Sie ist enttäuschend klein, nach dem Für-jeden-etwas-Prinzip konstruiert. Wir wichen mehr aus Verlegenheit als gezielt auf den sehr passablen 2004er Müller-Thurgau von Schloss Proschwitz aus.

Nun ja: Das ist eine große Bereicherung für alle Feinschmecker, die künstliche Rosen mögen, kleine Häppchen und viele Desserts. Es kann was draus werden. Oder auch nicht.

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