Zeitung Heute : Villen aus dem Treibhaus

Abriss und Amnestie – wie Italiener mit hunderttausenden Schwarzbauten umgehen

Paul Kreiner[Rom]

Sie kamen im Morgengrauen. 100 Mann von der Polizei, 30 vom städtischen Räumkommando. Vier Bagger mit riesigen Greifern, drei mit Schaufeln, dazu Planierraupen und zehn Lastwagen. Was ihnen gefährlich werden konnte – Gasflaschen und Benzinfässer, vom Bauherrn tückisch übers Gelände verteilt – entfernten sie zuerst, danach schafften sie den Rest weg: ein dreistöckiges Wohnhaus mit 20 geräumigen Apartments. Als der Abend dämmerte, sah das Grundstück im weströmischen Quartier Casal del Marmo fast wieder so unberührt aus, wie die Bauvorschrift es verlangte.

Nun, drei Wochen später, hat Roms Bürgermeister Walter Veltroni ein Projektil in seiner Post vorgefunden, Kaliber neun Millimeter. Ein kurzer Brief lag dabei. „Basta!“, stand darin. „Jetzt reicht’s mit der Abreißerei!“

Den Bauherrn in Casal del Marmo, der vor den Baggern wort- und gestenreich klagte, er lebe mit Eltern, vier Geschwistern und deren Familien „in einem einzigen Apartement“, den fragte Veltroni, warum er dann auf einen Schlag 20 Wohnungen habe bauen müssen, und der Bruder gleich daneben noch einmal 14: „Notlage? Spekulantentum!“

Veltroni, Bürgermeister seit 2001, will sich nicht beirren lassen. Dem Kampf gegen die Schwarzbauten hat er sich nun einmal verschrieben. „Null Toleranz!“, verkündet er. In den letzten zehn Jahren, schätzt die Umweltorganisation Legambiente, sind allein in Rom 24000 Häuser schwarz gebaut worden, sieben pro Tag. Davon haben Veltronis Leute 70 abgerissen, nicht einmal 0,3 Prozent.

Veltroni wird nicht mehr viel weiter kommen; Silvio Berlusconis Regierung hat ihm die Hände gebunden. Gegen eine Buße von 150 Euro pro Quadratmeter können gesetzwidrige Bauten bis Ende März legalisiert werden. Das soll 3,3 Milliarden Euro in die Staatskasse bringen. „Keiner will diese Regelung“, behaupten Berlusconis christdemokratische Koalitionspartner, „aber wir haben keine Alternative, wir brauchen das Geld.“

Die einschlägige Konjunktur boomt. Im Vorgriff auf den seit Monaten versprochenen Straferlass, beklagt Massimo Miglio, Chef des römischen Abrissbüros, hätte die Schwarzbauerei „um 30 bis 40 Prozent“ zugenommen. Das ärgert ihn, wegen der Verschandelung Roms und wegen der Erschließungskosten, die danach auf die Stadt zukommen. Aber vor allem, weil die industriell organisierten Dunkelmänner nicht einmal vor den historisch wertvollsten Stätten Halt machen.

Am Kolosseum und am Forum zum Beispiel, mitten im historischen Zentrum, rücken Miglios Bagger dieser Tage an. Dort hatte sich ein Bierlokal in den Boden gewühlt. Und die Via Appia Antica entlang, wo die besonders Reichen und Berühmten wohnen – der Regisseur Franco Zeffirelli und Gina Lollobrigida unter anderem –, da liegt nicht nur eines der am strengsten überwachten archäologischen Schutzgebiete Roms. Da, mittendrin, sprießen auch die Villen aus dem Boden. Keine 70 Meter vom weltberühmten Grabmal der Cecilia Metella entfernt, genau dort hat eine mit dem Großimport chinesischer Textilien reich gewordene Römerin sich einen Palazzo hinstellen lassen – in einer einzigen Samstagnacht. Die Firmen, die so etwas machen, sind hochspezialisiert.

Wie sie es schaffen, die Vorarbeiten geheim zu halten, das haben die Wächter des Archäologieschutzgebietes inzwischen herausgefunden. Es gibt in der Gegend ja viele Gärtnereien mit recht hohen Hecken oder Bambusgestrüpp als Umrahmung. Und es gibt Treibhäuser, in denen nicht nur Tomaten und Zucchini wachsen, sondern auch so manche Grundfeste. Dann, ruckzuck, einen vorfabrizierten Fertigbau aus Holz draufgesetzt, den Straferlass abgewartet, und schon kann nichts mehr passieren. Es sei denn, die Wächter hätten aufgepasst. Vier Wochen ist es her, die Amnestie für die Bausünder war schon in Kraft, die Legalisierung aber noch nicht beantragt, da haben sie mitgeholfen, eine 400-Quadratmeter-Villa und zwei weitere Häuser dem Erdboden gleichzumachen.

Vor zehn Jahren hat Berlusconi, damals mit seiner ersten Regierung, den Bausündern schon einmal vergeben. Seit dieser Zeit sind laut Legambiente landesweit 362000 Häuser und Fabrikhallen ohne Genehmigung entstanden; von diesen erfüllen nun 260000 die Kriterien für die Legalisierung – und der große Rest wird wohl illegal stehen bleiben.

Ein Schwarzbau rechnet sich immer. Wer schwarz baut, beschäftigt auch Schwarzbaufirmen. Die zahlen keine Tariflöhne, die zahlen keine Steuern. Alles bleibt verhältnismäßig billig. Und nach der Legalisierung lässt sich so ein Haus für genauso viel Geld verkaufen wie ein anständig gebautes. Oder man hat ein Haus dort, wo es zwar verboten, aber schön ist. An den Hängen des Vesuv zum Beispiel. Bis weit hinauf in die „rote Zone“, wo schon ein Räuspern des Vulkans lebensgefährlich ist, sind sie übersät mit Schlaf- und Wochenendsiedlungen. Bis zu 700000 Menschen leben in dieser Gegend.

Die Region Kampanien, wo sie für den Fall eines Vulkanausbruchs keine Chance sehen, all die Menschen in Sicherheit zu bringen, will möglichst viele zum Abwandern bewegen. Sie kauft Häuser auf und legt 30000 Euro als Starthilfe für den Neuanfang anderswo drauf. Dass damit Leute belohnt werden, die Gesetze missachtet haben, ist allen bewusst. Und man sagt auch, im Süden ließen sich Häuser und Restaurants, Hotels und Supermärkte nicht so einfach abreißen wie in Rom: Die Camorra, die an solchen Bauten mitverdiene, reagiere empfindlich.

Immerhin ist Kampanien eine von jenen Regionen, die den Straferlass der Regierung nicht umsetzen wird. Zusammen mit der Toskana, mit Umbrien und Venetien will Kampanien die Amnestie sogar vor dem Verfassungsgericht zu Fall bringen. Mit dem zweifach zweifelhaften Erfolg, dass die Regierung kein Geld bekäme und die fraglichen Häuser wohl dennoch stehen blieben. Aber, so fragt ein Bürgermeister aus der Gegend von Neapel, „was bringt die Amnestie bei uns schon? Wer ist wohl so dumm, freiwillig Buße zu zahlen für eine Gesetzwidrigkeit, die hier alle begehen und die noch nie verfolgt worden ist?“

Nicht jeder ist so resigniert. Die Männer der römischen Rugby-Profi-Mannschaft haben Bürgermeister Veltroni jetzt ihren Schutz zugesagt.

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