Zeitung Heute : Virtuelle Meinungssucher

Der Tagesspiegel

Sie wollen alle deutschen Politiker einsperren. Sie berichten über Frauen, die Orgasmen auf Knopfdruck bekommen, und sie tauschen afghanische Kochrezepte aus. Sie enthüllen aber auch Sicherheitslücken in Windows XP, kommentieren Otto Schilys „Sicherheitspaket“ und diskutieren darüber, wie Patienten sich besser vor Ärzte-Pfusch schützen können.

Sie sind Zeitungsleser, Leserbriefschreiber und Idealisten. Und ihr Forum ist das World Wide Web, genauer gesagt die Internet-Site www.leserzeitung.de . Seit August 2001 laden die Berliner Burkhard Gräf und Bernd Findeis, ein Betriebs- und ein PR-Berater, „Otto-Normalverbraucher“ dazu ein, selbst die Rolle von Autoren, Reportern und Kommentatoren zu übernehmen. Ein gutes halbes Jahr nach dem Start sind nun schätzungsweise 120 Artikel von 50 schreibenden Lesern im Netz. Wie viele Texte es genau sind, können die Herausgeber nicht sagen. „Wir stellen einmal in der Woche drei bis sechs neue Texte ein.“

Angesprochen ist jeder, der etwas zu sagen hat. So berichtet ein User regelmäßig aus seiner sächsischen Heimatstadt, und ein Universitätsprofessor kommentiert kompetent politische Zusammenhänge. Die Filmkritiken verfasst eine Studentin während der Vorlesung, und ein Spandauer Schüler liefert druckreife Sportberichte. Das Internet ist bereits gut bestückt mit offenen Foren, in denen User für User schreiben. Zu den bekanntesten gehört „ShortNews“, ein von Stern.de unter die Fittiche genommenes News-Angebot, das ebenfalls von Nicht-Journalisten bestückt wird. Das Angebot erfreut sich großer Beliebtheit, die diversen Rubriken sind ständig mit mehr oder minder sensationellen Nachrichtenfunden aus den Weiten des Netzes gefüllt.

Die Macher von Leserzeitung.de haben ein etwas anderes Anliegen: die offene Diskussion der Zeitungsleser über Themen, die in den Zeitungen stehen. Die anderen Leser der entsprechenden Zeitung werden diese Leserbriefe dann allerdings nicht erreichen.

„Die Idee ist aus einem Unwohlsein entstanden“, sagt Gräf. Niemand habe mehr die Zeit, sich mit Themen wirklich auseinander zu setzen. „Heute wird ja gar nicht mehr diskutiert. Es wird nur noch getalkt“, findet der 49-jährige Betriebswirt. Eine weiterer Anlass für die Gründung einer Leserzeitung war der persönliche Ärger der Herausgeber über den Umgang vieler Redaktionen mit den Leserzuschriften. „Wir haben nichts gegen die Zeitungen“, betont Burkhard Gräf. Aber die Leserbriefseiten haben ihn enttäuscht. Was nicht ins Konzept passe, werde entweder gar nicht gedruckt oder stark gekürzt und dadurch verfälscht.

Inhaltlich soll die Leserzeitung möglichst für alle Themen offen sein. Auch Journalisten dürften hier das schreiben, was sie wirklich denken, sagt Bernd Findeis, der in der DDR selbst als Journalist gearbeitet hat. Wer seine Meinung sagen will, ist bei der Leserzeitung willkommen. „Man darf bloß keine Angst vor dem Schreiben haben“, betont Burkhard Gräf. Sabrina Ortmann

Das Angebot unter: www.leserzeitung.de

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben