Zeitung Heute : Virtuelle Pillendreher

Der Markt für Versandapotheken wächst. Dafür wird qualifiziertes Personal gebraucht

Steven Hanke

Patienten mit Grippe können seit Januar 2004 endlich das tun, was der Arzt ihnen rät: im Bett bleiben. Seitdem haben sie nämlich die Möglichkeit, ihre Medikamente über das Internet zu bestellen und sich per Post schicken zu lassen. Das schont nicht nur ihre Gesundheit, sondern auch den Geldbeutel, sind die Medikamente im Netz doch bis zu 30 Prozent billiger. Während viele traditionelle Apotheker um ihre Existenz kämpfen, boomt der Versandhandel mit Medikamenten.

„In den nächsten fünf Jahren werden 30 Prozent der traditionellen Apotheken ohne Internet-Versandhandel in Deutschland schließen“, sagt Thomas Kerckhoff, Unternehmensberater in der Gesundheitswirtschaft. Bis zu 30 000 Arbeitsplätze seien dadurch gefährdet.

Auf der anderen Seite entstehen im Versandhandel neue Stellen. Schließlich wird der Marktanteil der derzeit 1250 Internetapotheken in Deutschland nach Angaben des IT-Branchenverbandes Bitkom in den nächsten vier Jahren von momentan 1,5 auf acht Prozent steigen. Ein Drittel aller deutschen Internet-Nutzer bestellt Medikamente schon heute im Netz – Tendenz steigend. Deshalb wächst in den Internetapotheken der Bedarf an höher qualifiziertem Personal. Unternehmensberater Kerckhoff rechnet damit, dass dort bis 2011 mindestens tausend neue Arbeitsplätze entstehen. Außerdem werden mehr Azubis ausgebildet und Mitarbeiter weitergebildet oder umgeschult.

Parallel zur positiven Beschäftigungs-Entwicklung werden aber auch die Anforderungen an die Versandhandelsapotheker zunehmen. „Die Arbeit wird generell anspruchsvoller“, sagt Josef Hilbert vom Institut Arbeit und Technik (IAT) am Wissenschaftszentrum Nordrhein-Westfalen. Versandhandels-Apotheker würden ebenso wie medizinische Fachangestellte in Zukunft sehr viel stärker im EDV-Bereich aus- und weitergebildet. Neben der Herstellung von Salben und anderen Mixturen müssen sich Apotheker heute auch mit Computersoftware auskennen. Zum Beispiel gehört bei der Apotheken-Kette Sanicare die Arbeit mit dem Datenverarbeitungsprogramm SAP mittlerweile zum Alltag.

Die nach eigenen Angaben größte deutsche Versandhandels-Apotheke hat ihren Umsatz in den letzten drei Geschäftsjahren um 27 Prozent gesteigert. Wachstumsmotor war dabei der Versandhandel mit einem Plus von 54 Prozent. Gleichzeitig wurde die Zahl der Beschäftigten um gut ein Drittel aufgestockt, von rund 400 auf 550, sagt Sprecherin Simone Brundiek. Gleichzeitig sei die Zahl der Auszubildenden, etwa zum Pharmazeutisch- kaufmännischen Assistenten (PKA) um 60 Prozent auf 38 gestiegen. Die rund 50 neuen Mitarbeiter seit Ende 2005 wurden ausschließlich für den Versandhandel eingestellt. Sie sind in erster Linie im Service und der Logistik tätig.

Den alten wie den neuen Mitarbeitern bei Sanicare wird in dem immer schneller wachsenden Tagesgeschäft laut Brundiek viel abverlangt. Sie müssten rund 8000 Bestellungen täglich entgegennehmen und sich um die Auslieferung kümmern. „Mit der gemütlichen Stadtapotheke hat das nicht mehr viel zu tun“, sagt Brundiek. Wegen des großen Andrangs hätten zum Beispiel die Mitarbeiter im Callcenter nur ein paar Sekunden Zeit, alle Informationen über den Rechner abzurufen. Dazu werden sie in SAP geschult.

Neue Jobs dürfte es durch den Internethandel laut IAT-Experte Hilbert auch bei den EDV-Spezialisten geben. In Zukunft werde es gänzlich neue Berufsfelder geben. Ein Beispiel sei der sogenannte Informatikassistent mit dem Schwerpunkt Medizinökonomie oder der Medizinische Informatiker, wie er an der Fachhochschule Dortmund ausgebildet wird. Diese Leute müssten zwar nicht wissen, „woraus eine Aspirin-Tablette besteht“, so Hilbert, aber die Abläufe in Apotheken, Krankenhäusern und Arztpraxen kennen. Später arbeiten sie entweder direkt bei oder für medizinische Einrichtungen. So hat die Internetapotheke Sanicare ihre EDV-Abteilung, die nach der Eröffnung des Versandhandels 2004 völlig überfordert war, zum größten Teil an den IT-Dienstleister Arvato abgegeben.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben