Zeitung Heute : "Virtuelle Revolution": Kurt E. Becker über die Welt des Homo Ludens

Herr Becker[Sie beraten erfolgreiche Startups. Wo]

Kurt E. Becker (49) ist Publizist, Buchautor und Kommunikationsberater. Der promovierte Sozialwissenschaftler, Psychologe und Philosoph ist Mitinhaber einer PR-Agentur in Düsseldorf, sie ist eng angelehnt an Prinz-Medien in Berlin. Sein jüngstes Buch hat Becker zum Thema "Charisma" geschrieben.



Herr Becker, Sie beraten erfolgreiche Startups. Worin brauchen diese Entrepreneure der New Economy denn noch Nachhilfe?

Fachwissen und Markterfolg in der Gegenwart alleine sind kein zukunftsfähiges Fundament. Wir befinden uns mitten in einer virtuellen Revolution.

Virtuelle Revolution? Bitte erklären Sie das.

Der Wandel wird zum Alltagsphänomen und zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit wird rein geistiges Schaffen bezahlt. Bis dato wurde in Waren und Dienstleistungen, also in das Ergebnis von Arbeit investiert. Auf einmal sind Geldgeber willens, hohe Kapitalbeträge in etwas Virtuelles zu investieren, in eine Idee. Über Anteilsscheine wird jetzt plötzlich Jedermann klar, dass Geld losgelöst von Arbeit zu sehen ist und Prozesscharakter hat. Damit haben wir noch nicht umzugehen gelernt.

Immerhin scheint es ja eine ausgesprochen friedliche Revolution zu sein.

Das steht noch nicht fest. In der Tat vollzieht sich diese Revolution nicht mit physischer Gewaltsamkeit, sondern geistig. Der Pluralismus und die durchaus positive Werteanarchie ermöglichen unendliche Freiheit: für unendlich viele Ideen. Jedes Szenario ist denkbar. Schlimmstenfalls kann es im Totalitarismus oder Fundamentalismus enden, also eine festgefügte, starre Werteordnung bedeuten - ein "stählernes Gehäuse der Hörigkeit", von dem Max Weber in anderem Zusammenhang gesprochen hat.

Das hört sich schrecklich an.

Ich sehe sehe keinen Grund für apokalyptische Szenarien, wir müssen uns nur dringend Gedanken über die Konsequenzen machen, die der neue Reichtum an kreativen Ideen und Geld mit sich bringt. Entscheidend wird sein, ob die Vernetzung der alten und der neuen Welt gelingt.

Wie soll das funktionieren?

Was die Old Economy kennzeichnet, ist ihre Kommunikationsfähigkeit. Die neue Welt ist die von Autisten, die am liebsten ausschließlich mit Computern umgehen. Das Kommunizieren mit Menschen fällt vielen schwer. Aber Kommunikation ist lernbar. Sogar der schüchterne Bill Gates hat sie gelernt.

Die Dot-Com-Gründer hierzulande sind doch nicht alle schüchtern, oder?

Nein, aber etwas anderes macht ihnen dieVernetzung mit der Old Economy schwierig. Der Lebensweg der heute 20- bis 30-Jährigen war abgesichert. Als saturierte Wohlstandskinder haben sie die Freiheit, Arbeit ganz neu zu verstehen: als spielerischen Trieb. Der Homo Ludens hat den Homo Laborans, der Arbeit als Existenzkampf begriff, abgelöst. Wer Arbeit als Spiel begreift, kann auch 16 Stunden am Tag arbeiten.

Bis die in dieser Spielewelt ausgelebte Kreativität an die traditionelle Wertewelt stößt?

Genau. In der heilen, virtuellen Welt der New Economy finden menschliche Konflikte nicht statt. Da herrscht totale Freiheit, totale Kreativität. Das Führungsverständnis ist unterentwickelt bis inexistent. Konfrontieren Sie mal einen Vorstand der alten Ordnung mit so einer Unternehmenskultur. Da knallt es. Oder: Kann sich eine Sekretärin alten Schlages in der New Economy wohlfühlen?

Muss sie das denn?

Natürlich nicht. Ein Merge zwischen New und Old Economy ist nicht zwingend. Ich sehe eher ein Amalgam. Jeder Bereich bleibt für sich, hinzu kommt eine gemeinsame Spielwiese, etwa ein Joint Venture. Die für eine Verbindung notwendigen Kabel herzustellen, ist Aufgabe von Kommunikationsprofis und PR-Beratern. Sie sind prädestiniert, Mittler zwischen den Welten zu sein.

Woran fehlt es am meisten?

Worauf es in einer zukunftsfähigen Gesellschaft ankommt, ist die Denkfähigkeit. Denken heißt, sich orientieren zu können. Um nicht hilflos von jeder neuen virtuellen Revolutionswelle in eine andere Ecke geworfen zu werden, brauchen die Menschen eine Ortsbestimmung. Das entspricht dem uralten Sicherheitsbedürfnis. Das haben auch die Vertreter der New Economy, sie haben es nur im Zauber der virtuellen Revolution aus den Augen verloren - oder im Bann der ungeheuren Kapitalbeträge verdrängt.

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