Zeitung Heute : Virtuelle Welt sucht reale Fachkräfte

Die Zahl der Stellenangebote hat sich in kürzester Zeit verdoppelt – Ende des Booms nicht in Sicht

Judith Kessler

Da gibt es die Geschichte von dem Studenten, der die Pixel auf seiner Homepage verkaufte und damit eine Million verdiente. Oder die Lehrerin Ailin Gräf, die mit ihren Immobiliengeschäften in der virtuellen Welt Second Life zur Dollar-Millionärin in der realen Welt wurde. Oder die Berliner Studentenclique, die die Online-Community StudiVZ gründeten, verkauften und jetzt reich sind. Es gibt viele dieser Geschichten rund um das Web 2.0, die die Goldgräberstimmung im Land schüren. Aber: Die Träume vom schnellen Geld im Netz zerplatzten schon einmal mit der Dotcom-Blase zur Jahrtausendwende. Jetzt sind sie wieder da: die Dollarzeichen in den Augen.

Für Thomas Schildhauer, Direktor des Institute of Electronic Business (IEB) an der Universität der Künste, ist das durchaus verständlich. Denn: „An virtuellen Welten kommt in Zukunft niemand vorbei“, sagt Schildhauer. Schon jetzt lädt er zu Diskussionsrunden in Second Life ein. Zum Sommersemester bietet Schildhauer im Rahmen des Masterstudiengangs „Leadership in Digitaler Kommunikation“ ein ganzes Praxismodul in Second Life an. „Aufgabe meiner Studenten wird sein, eine Marke in der virtuellen Welt zu etablieren“, verrät er. Künftige Führungskräfte in der digitalen Wirtschaft könnten sich nicht erlauben, virtuelle Welten zu ignorieren, meint Schildhauer. Seine Studenten müssen also keine Zukunftsängste haben.

„Die Branche sucht händeringend Fachkräfte“, sagt auch Christoph Salzig, Sprecher des Bundesverbands Digitale Wirtschaft (BVWD). Nach Erhebungen des BVWD hat sich die Anzahl der Stellenangebote in der Branche von 2005 auf 2006 verdoppelt. Im Jahr 2006 waren in den Berliner Zeitungen im Schnitt 30 freie Stellen pro Woche ausgeschrieben, während es im Jahr 2005 nur zehn bis 15 freie Stellen waren. In den ersten Monaten 2007 sei die Zahl nochmal um 20 Prozent gestiegen.

„Anders als zur Jahrtausendwende wächst das Internet jetzt auf eine gesunde Art“, meint Salzig. Jobs rund um das Netz hätten eine reelle Chance. Weiterbilden können sich im Prinzip alle, die in diesem Bereich bereits arbeiten. Das Berufsspektrum reicht von klassischen Informatikern bis hin zu Mediengestaltern. Ohne gezielte Weiterbildung komme man aber nicht voran, denn die Anforderungen haben sich stark geändert. „Den Einser-BWL-Studenten mit Schwerpunkt Marketing, können wir nicht gebrauchen“, sagt Thorsten Wohlrab von „Trnd“. Die Marketingagentur hat sich auf Mundpropaganda spezialisiert. Die funktioniert im Web 2.0 mit seinen Blogs und Communities besonders gut. Ist erstmals das Interesse der Blogger für ein Produkt geweckt, wird es von Blog zu Blog weiterempfohlen. Der Werbeprofi selbst wird so zum Animateur. Diese Strategie fordere ein extremes Umdenken der Marketingexperten, meint Wohlrab. „Wir brauchen Allrounder, die ein bisschen weiterblicken“, sagt der Agenturchef.

Weitblick hat die Berlinerin Doris Hammerschmidt bereits vor anderthalb Jahren bewiesen. Damals machte sich die Journalistin selbstständig und produziert seitdem mit ihrem Start-up „Tonjuwelen“ Podcasts für Firmen und Internetportale. Die technischen Grundlagen brachte sie sich selbst bei. „Da gibt es jede Menge Hilfestellungen im Netz.“ Das Internet bildet seine Fachkräfte selbst aus. Doch genau an diesem Punkt wird die Goldgräberstimmung ein wenig getrübt. Denn: Wer in der Branche Fuß fassen will, muss sich selbst weiter bilden. Ausbildungs- und Weiterbildungsinstitute können diese Allroundtalente nämlich kaum ausbilden. „Durchschnittlich werden von der Bundesagentur für Arbeit drei bis vier Monate eine qualifizierte Weiterbildung genehmigt“, sagt Michael Galwelat vom Bundesverband Digitale Wirtschaft.

Qualifizierte Kenntnisse in mehreren Fachbereichen zu vermitteln, sei in der kurzen Zeit kaum noch möglich. Daher steigt der Druck auf jeden einzelnen, sich ständig selbst fortzubilden. Doch die Mühe lohnt sich: Berufe rund um das Web 2.0 scheinen auch längerfristig eine Zukunft zu haben und vielleicht reicht dann wirklich eine einzige Internetadresse, um Millionen zu verdienen.

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