Zeitung Heute : Virtueller Flirt im Park - Spaziergänge zwischen Videowänden, begehbare Brettspiele

Tina Heidborn

In dem abgedunkelten Raum tritt man zwischen vier riesige Videowände. Und steht plötzlich in einem Sommerwald. Bienen summen, Blätter rauschen, um einen herum flirrt grünes Laub. "Landscape One" heißt die interaktive Videoinstallation, die einem einen Besuch im Mont-Royal-Park in Kanada vorgaukelt. Zu begehen ist das preisgekrönte Werk noch bis Anfang März im Berliner SiemensForum. Dort werden ausgezeichnete Objekte des Prix Ars Electronica 1999 gezeigt.

Der studierte Designer Luc Courchesne hat für seine "Landscape One" kanadische Besucher im Park gefilmt und spielt diesen Film über vier quadratisch angeordnete Videoleinwände ab. Vor jeder der vier riesigen Videoleinwände steht ein Computer mit Touch-Screen, hier kann der echte Besucher mit den (gefilmten) Parkbesuchern per Klick in Kontakt treten. Mal nähert sich ein Punk, mal eine Picknick-Gesellschaft im Film. Alle sprechen französisch, aber auf den Touch-Screens erscheinen die englischen und deutschen Übersetzungen. Nur lesen muss man können, um in Kontakt mit der falschen Realität zu treten. Und schnell genug klicken. Dann kann man mit dem jungen Mann verhandeln, der die Knutscherei mit seiner Freundin auf der Bank unterbricht und sich provozierend vor einem aufbaut. "Haben Sie etwas . . ?" Die vorgegebenen Antworten reichen von einem klaren "Nein!" bis zum auffordernden "An was denken Sie?". Wenn der Besucher nur schnell genug reagiert, verwickelt er sich bald in ein virtuelles Dealer-Gespräch.

"Man kann es hier sogar regnen lassen", der neunjährige Florian besucht mit seinem Papa den Park und hat "Aktion" angeklickt. Die Bäume rauschen, es wird dunkler, dann beginnt der Regen. Die Picknickgesellschaft rafft ihre Klamotten zusammen und läuft über die vier Bildschirme in alle Richtungen nach Hause. Per Klick scheint die Sonne wieder, es wird Tag oder Nacht. Und wenn man dem kleinen murmelspielenden Mädchen nachsetzt - Klick: "Ich kriege dich" - geht es rund. "Auweia, das ist schlimmer als Achterbahn", murmelt ein unbeteiligter Herr, der jetzt auf der virtuellen Lichtung dem kleinen Mädchen nachsetzen muss. Wild schwankend läuft die Kamera durchs Gebüsch. Auf allen vier Wänden dreht sich das Grün. Spätestens jetzt kommen die virtuellen Parkbesucher in Berlin ins Gespräch. Wie man denn das blöde Mädchen bloß laufen lassen könnte, fragen sie sich. Oder wo man "Stopp" klicken könnte. Wer lieber malt als nachläuft, kann sich im SiemensForum an der leeren Leinwand des Amerikaners Danny Rozin versuchen. Doch was wie ein Pinsel aussieht und auch so zu handhaben ist, trägt keine Farbe auf, sondern fertige Bilder. Sie werden per Videokamera auf die Leinwand projeziert. Jeder Pinselstrich ein Videoausschnitt; in den unterschiedlichen "Farbtöpfen" lagern verschiedene Filme. Aus vielen alten entsteht ein neues, individuell zusammenzusetzendes Bild. Wer hier malt, komponiert ein Bild - dank neuester Technik.

Die Spielidee des "metaField Maze" des Kanadiers Bill Keays und des Amerikaners Ron MacNeil ist dagegen ziemlich alt. Sie haben ein Brettspiel aus seinem starren Kasten befreit und begehbar gemacht: Auf dem Fußboden erstreckt sich ein abgezirkelts Labyrinth, durch das eine Kugel gelenkt werden muss, ohne in eines der vielen Löcher auf dem Weg ins Innere zu fallen. In der Version als Brettspiel konnte man den Boden an seitlichen Hebeln neigen und so die Kugel lenken. In der Video-Computer-Animation tritt man mit den Füßen auf den Spielflächenrand und kippt das gesamte Spielfeld. Aus dem handlichen Brettspiel ist ein vier mal vier Meter großer Spielplatz geworden.

Neben diesen drei Großinstallationen laufen in dem aufgebauten DVD-Kino ausgezeichnete Animationen und Visual Effects. Auf den Rechnern im SiemensForum sind außerdem ausgezeichnete interaktive Programme zu sehen, ein Computer ist eigens für Wettbewerbsteilnehmer unter 19 Jahren reserviert. "Freestyle Computing" heißt die Kategorie, angefangen von der Computer-Clown-Grafik einer achtjährigen Schülerin bis hin zum interaktiven Multimediabuch einer Vierten Grundschulklasse. Preisgelder in Höhe von insgesamt 1,34 Millionen Schilling (knapp 200 000 Mark) hat Siemens in diesem Jahr zur Verfügung gestellt und auf die vier Kategorien "Interaktive Kunst", "Digital Musics", "Computeranimationen/Visual Effects" und "Net" verteilt. Mit 2119 eingereichten Arbeiten aus 60 Ländern verzeichnete der jährliche Wettbewerb den bisherigen Bewerbungsrekord.

"In den letzten Jahren ist das Internet immer stärker zu einem Thema geworden. Die künstliche Welt wird als gesellschaftliches Thema erkannt", sagt SiemensForum-Mitarbeiter Sebastian Schulte. Anders als zu den Anfängen in den 80er Jahren stehe nicht mehr so sehr der Computer selbst im Vordergrund. Schulte sieht die Ausstellung als Ergänzung zur ebensfalls in Berlin stattfindenden "transmediale" (siehe Interview). "Hoffentlich klappt die Vernetzung im nächsten Jahr noch besser, damit wir uns gegenseitig die Zuschauer zuleiten", so Schult. Von der Homepage des Prix Ars Electronica ist es nur ein Klick zur Partner-Kunstschau "transmediale".Bis zum 10. März im SiemensForum, Rohrdamm 85, montags bis freitags von 9 bis 17 Uhr und mittwochs bis 20 Uhr

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