Zeitung Heute : Virtuelles Angebot - praktisches Geschäft

Kurt Sagatz

Internet und Multimedia sind Hoffnungsträger, noch keine Profit-MaschinenKurt Sagatz

Wie sollen aus einem virtuellen Geschäft reale Gewinne entstehen? Sind Multimedia und das Internet nach inzwischen fast einer Dekade immer noch eher Hoffnungsträger, eine Verheißung für die Zukunft, oder darf die Branche inzwischen mit einen Return auf die getätigten Investments rechnen? Diese Fragen stellte der 8. Deutsche Multimedia Kongress (DMMK), der von Montag bis Mittwoch in Stuttgart mit 1800 registrierten Teilnehmern stattfindet.

Und es gab natürlich auch Antworten. Zum Beispiel von Günther Jünger, Geschäftsführer von Intel Central Europe. Als marktführender Lieferant von Prozessoren ist der weltweit agierende Konzern dabei, seine gesamte Wertschöpfungskette im Internet nachzubilden. Intel hat es im Vergleich zu vielen anderen Unternehmen der IT-Branche noch verhältnismäßig einfach, sein Geschäft online-fähig zu machen. Denn beliefert werden nicht die Millionen von Endkunden, die "Intel inside" auf ihrem Rechner stehen haben, sondern nur eine vergleichsweise bescheidene Zahl von Hardware-Herstellern, die die Intel-Chips in ihre Gerätschaften einbauen.

Allein der Verweis auf die Besonderheit der Intel-Situation ist kein Anlass, die elektronische Geschäftsabwicklung über die weltweiten Netze zu vernachlässigen. Die Gartener Group schätzt für das Jahr 2005, dass 70 Prozent der Umsätze im Geschäft zwischen den Firmen über das World Wide Web laufen wird. Entscheidende Motivation für den Umbau der Strukturen sind dabei in erster Linie die Kosteneinsparungen durch eine flexiblere Produktion. Zudem lassen sich durch speziell auf den Kunden ausgerichtete Online-Plattformen Wettbewerbsvorteile erzielen, meint Jünger.

Ein schöneres Konjunkturprogramm können sich die Unternehmen nach Abwicklung der Jahr-2000-Umstellung kaum wünschen. Wären da nicht die benötigten Fachkräfte. Von denen fehlen in Deutschland nach Einschätzung der Marktbeobachter von IDC nicht nur 70 000. Ganze 200 000 Netzwerkspezialisten werden benötigt, um diesen Prozess in Gang zu setzen. Ob die neue Art der elektronischen Geschäftsabwicklung gleichbedeutend mit Profiten ist, bleibt unbeantwortet. Bevor die zumeist jungen Technologieunternehmen mit den Venture Capitalists im Rücken Licht am Ende des Tunnels sehen, wird es zu einer enormen Konsolidierungswelle im Markt kommen, ist sich Konrad Hilbers von AOL sicher.

Für debis-Vorstandschef Klaus Mangold ist E-Business längst kein virtuelles Angebot mehr, sondern praktisches Geschäft. Für die Automobilindustrie ergäben sich durch das Internet zahlreiche Innovationen, wenn Kunden ihre Fahrzeuge über das Netz individuell ausstatten lassen können. Michael Grabner, Vorstand in der Verlagsgruppe Holtzbrinck, sieht zum Internet-Engagement keine Alternative. Er ist sich sicher, dass es auch im Netz einen ökonomisch sinnvollen Weg geben wird und erinnerte daran, dass die Radiomacher nie richtig geglaubt hatten, dass damit Geld zu verdienen sei und auch die TV-Sender lange Zeit glaubten, das Angebot nur über Gebühren finanzieren zu können. Das Überangebot an Informationen werde dazu führen, dass man im Web dafür zahlen wird, wenn eine neue Art von Journalisten den Content so filtert, dass dabei nutzbare Inhalte herauskommen. "Qualitativ hochwertiger Content hat immer einen Wert", so sein Credo. Damit der Kunde das Angebot jedoch nutzt, muss es einfach, verständlich und leicht konsumierbar sein.

Der Markt wird immer seine Gewinner haben, meint Klaus Eierhoff. Ob das bereits jetzt der Fall sein kann, bezweifelt jedoch der Bertelsmann-Vorstand. Solange der Markt noch nicht völlig erschlossen sei, gehe es nicht um Profite, sondern um eine durch massives Marketing gestützte Expansion. Langfristig werde nur der erfolgreich sein, der in diesem Wettlauf auf den allerersten Plätzen ankommt. An Gewinne sei somit frühestens in einem Zeitraum von vier bis fünf Jahren zu rechnen, wobei er keinen Zweifel daran ließ, dass sein Verlagshaus auch im Internet Profite machen will.

Kurzfristige Chancen auf steigende Erlöse sieht Telekom-Vorstand Detlev Buchal durch die inzwischen vorhandene technologische Möglichkeit, Beträge jeder Größenordnung über das Internet buchen zu können. Dies und eine stärkere Verbreitung von breitbandigen und somit schnelleren Leitungen würden die Voraussetzungen für reale Profite schaffen. Allerdings müssten auch die Strukturen der Anbieter sich weiter wandeln. Buchal sprach dabei von der Verschmelzung verschiedener Angebots- und Vertriebsstrukturen zu Plattformen mit mehreren Playern, wo aus Konkurrenzunternehmen virtuelle Partner werden. Die wiederum auf reale Profite hoffen, worüber dann auf dem nächsten Multimedia-Kongress im Jahr 2001 zu diskutieren sein wird.

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