Zeitung Heute : Virtuelles Theater: Die Dramaturgie des Internets

Philipp Mäder

Ein Flugzeug explodiert in der Luft und stürzt über der Wüste von Nevada ab. Kurz darauf werden Wrackteile gefunden. Die Aufzeichnungen der Black Box deuten auf einen Sabotageakt hin. Von den Insassen jedoch fehlt jede Spur. Zur gleichen Zeit verschwindet eine Musikband. Befanden sich ihre Mitglieder in dem Flugzeug, sind sie tot? Oder waren sie zum Zeitpunkt des Absturzes ganz woanders und verschwanden aus einem unbekannten Grund? Dies ist weder die Meldung einer Nachrichtenagentur noch der Plot eines Spielfilmes. Es ist die Handlung des Theaterstückes "Missing" der Künstlergruppe "Gob Squad".

Die Künstler sind in Berlin, Hamburg und Nottingham zu Hause, das Stück wird für das Münchner Theaterfestival "Spielart" im November dieses Jahres inszeniert. Doch die Aufführung von "Missing" wird auf der ganzen Welt zu sehen sein: Sie findet im Internet statt. Was haben Theater und Internet miteinander zu tun? Klar, die Spielpläne des örtlichen Schauspielhauses sind im Internet zu finden. Aber darüber hinaus? Diese Frage nach der Theatralität des Internets und einem erweiterten Theaterbegriff im Zeitalter der digitalen Medien warf der Wettbewerb "webscene" auf, den das Theaterfestival "Spielart" in München dieses Jahr zum ersten Mal ausschrieb. Sieger wurde das Projekt "Missing". "Das Interesse der Theaterleute war überwältigend: Über 50 Projekte aus 13 Ländern wurden eingereicht", berichtete Gisela Müller, die für das Medienforum München in der Wettbewerbsjury saß, am Donnerstag in der Kleinen Humboldt-Galerie in Berlin.

In dieser Galerie der Humboldt-Universität findet zur Zeit die Ausstellung "Bin ich drin?" zum Thema Netzkunst statt. An einer Galeriewand hängt eine große, gerahmte blaue Fläche mit einigen winzigen blauen Sternen drauf. Ein Print des Internet-Kunstwerks "unendlich, fast..." von Holger Friese. Das Werk funktioniert aber nur am Bildschirm des Computers, der daneben steht: Der Betrachter scrollt die fast unendliche blaue Fläche auf und ab, bis er endlich die Sterne findet. Diese führen aber nirgendwo hin, das Kunstwerk ist eine Sackgasse.

Aber wieso soll jemand eine Galerie besuchen, wenn er das Kunstwerk auch zu Hause über das Internet aufrufen kann? Anne Schreiber, eine der beiden Kuratorinnen der Ausstellung in der Kleinen Humboldt-Galerie, ist sich bewusst, dass Netzkunst nur beschränkt ausstellbar ist. "Es ging uns nicht nur um Netzkunst, sondern um verschiedenste Kunstformen, die sich des Mediums Internet bedienen." So luden sie Gisela Müller ein, die bei "webscene" eingereichten Theaterprojekte vorzustellen.

Auch Müller kann mit dem Etikett "Netzkunst" wenig anfangen: "Netzkunst ist tot - es lebe das Internet", lautet ihre Botschaft. Doch in den Bereichen Theater und Performance ist das Internet bisher eher tot als lebendig. Die Kluft zwischen den schwitzenden Körpern der Schauspieler auf der Bühne und der sterilen Zweidimensionalität der Abbildungen im Netz scheint unüberwindbar zu sein. Nicht jedoch für Müller. Seit zwei Jahren betreibt sie die "Theatermaschine", eine Internetplattform für Theatermacher, die mit den neuen Medien arbeiten.

Kein Wunder, dass Müller eine Reihe von verbindenden Elementen zwischen Internet und Theater sieht: "An beiden Orten wird ein halböffentlicher Raum bespielt, der Bühnenraum oder der Datenraum. Sowohl Monitor als auch Bühne machen keinen Sinn, wenn niemand draufschaut." Außerdem brauchen sowohl Websites wie Theateraufführungen eine starke Dramaturgie. "Sonst ist der Zuschauer in der Pause wieder weg, im Internet nach ein paar Mausklicken."

Mit "Missing" soll deshalb versucht werden, die Dramaturgie eines Theaterstückes im Internet umzusetzen. Der Zuschauer wird zum Surfer und macht sich auf die Suche nach den vermissten Bandmitgliedern. Er trifft dabei auf die Internetseiten von Plattenfirmen und Fanclubs, in einem Chatroom kann er über die Ursachen des Flugzeugabsturzes diskutieren, mit der Technik des "streaming video" werden Filmaufnahmen von Schauspielern live ins Internet übertragen. Für Uneingeweihte soll es dabei nicht möglich sein, die Fiktionalität der erzählten Geschichte zu erkennen. Damit will die Künstlergruppe "Gob Squad" die Kriterien thematisieren, anhand derer wir jeden Tag Nachrichten als wahr oder falsch einstufen. Doch letztlich bleibt für den Zuschauer von Reality-Shows oder Filmen wie "Blair Witch Project" immer erkennbar, dass er einer bewussten Inszenierung beiwohnt. Anders im Internet: Hier hat der Surfer kaum die Möglichkeit zu beurteilen, ob eine Internetseite das ist, was sie vorgibt zu sein. Beispielsweise existiert unter der Internetadresse "www.gatt.org" eine Seite, die wie die offizielle Homepage der Welthandelsorganisation (WHO) daherkommt. In Wahrheit stammt sie aber von einer Gruppe namens "The Yes Men". Die WHO hat damit nichts zu tun.

Die vergleichsweise harmlose Variante einer solchen Seite ist ebenfalls in der Kleinen Humboldt-Galerie zu sehen: " www.antworten.de "von Holger Friese und Max Kossatz täuscht vor, ihrem Namen entsprechend Antworten zu liefern. Der Benutzer bekommt aber nicht einmal die Möglichkeit, eine Frage zu stellen. Empörte E-Mails an die Betreiber der Seite zeugen davon, dass viele Benutzer den Schwindel nicht durchschauen. Oder nicht bemerken, dass sie ein Kunstwerk betrachten. Je nach Standpunkt.

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