Zeitung Heute : Vision des Miteinanders

Der Tagesspiegel

Für Berliner, die das Jüdische Museum schon öfter besucht haben, ist die Prozedur Gewohnheit: Höflich fordern die Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes dazu auf, die Taschen und Metallgegenstände durchleuchten zu lassen. Dann lässt ein weiterer Mitarbeiter den Detektor über den Körper gleiten. Deutlicher kann man es nicht spüren: Der Nahe Osten mit seinen eskalierenden Auseinandersetzungen zwischen Israelis und Palästinensern ist uns nah gekommen. Und schon merken wir, wie die gefährlichste Reaktion auf die Gefährdung einsetzt: die Gewöhnung.

Die Künstler aber, zu denen die Besucher am Dienstagabend in das Jüdische Museum strömten, können und wollen sich nicht an den Alltag der Gewalt gewöhnen. Unter dem Titel „Voices for Peace“ gelang es der in Österreich und Israel aufgewachsenen Sängerin Timna Brauer mit dem Instrumentalensemble ihres Mannes Elias Meiri, einen palästinensischen und einen israelischen Chor zum Musizieren zusammenzubringen. Das palästinensische Ensemble, der 1987 in Galiläa gegründete Shefa-Amr Chor, verbindet in seinem Repertoire selber die verschiedensten Einflüsse: byzantinische Kirchengesänge der christlichen Tradition und islamische Sufi-Lieder. Das Collegium Tel Aviv hingegen pflegt insbesondere synagogale und hassidische Musik der Juden Osteuropas.

Wie verwandt diese Musikrichtungen des Mittelmeerraumes sind, wie „arabisch“ selbst die mittelalterlichen Gesänge der abendländischen „Carmina burana“ klingen und wie unsinnig die ängstliche Abgrenzung vieler Christen und Juden vor dem Orientalischen ist, das demonstrierten die Musiker auf das Sinnlichste. Und auf das Populärste: Timna Brauer könnte mit ihren geflochtenen Haaren und ihrer bunt bestickten Haube nicht nur ohne weiteres als orientalische Königin durchgehen. Sie kann auch ein uraltes Pilgerlied mit der virtuosen Ekstase einer Soulsängerin vortragen, ohne es zu verkitschen. Sie entfesselte gemeinsam mit den Musikern eine Lebenslust, die den akustisch ungeeigneten, zu nüchternen und zu engen Konzertraum zu sprengen schien. Sicher: Solche Musik hält keine Gewehrkugel auf. Aber für zwei Stunden wurde eine Vision des Miteinanders, spürbare, mit Körper und Seele erlebbare Wirklichkeit. Damit wir uns an sie gewöhnen können. Carsten Niemann

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