Zeitung Heute : Visionär der Lehrerausbildung

Der amerikanische Professor für Pädagogische Psychologie Lee Shulman erhält die Ehrendoktorwürde der Freien Universität.

Carsten Wette
Die Arbeit in Schulklassen ist nach Ansicht des Pädagogischen Psychologen Lee S. Shulman das „komplexeste menschliche Unterfangen überhaupt“. Er wies in besonders pointierter Weise darauf hin, dass das für Lehrer unverzichtbare fachdidaktische Wissen ebenso auf theoretischem Fachwissen beruht wie auf praktischen Handlungserfahrungen. Foto: picture alliance
Die Arbeit in Schulklassen ist nach Ansicht des Pädagogischen Psychologen Lee S. Shulman das „komplexeste menschliche Unterfangen...Foto: picture alliance / dpa

Er hat die Bildungsforschung in den USA, in Europa und Deutschland in den vergangenen 25 Jahren maßgeblich beeinflusst, die Vorstellung dessen geprägt, was guten Unterricht ausmacht und damit die Bedeutung des Lernens und Lehrens insgesamt aufgewertet: Die Rede ist von Lee S. Shulman, US-amerikanischer Professor für Pädagogische Psychologie und President Emertitus der „Carnegie Foundation for the Advancement of Teaching“ an der School of Education der Stanford University. Für sein wissenschaftliches Lebenswerk und sein „außergewöhnliches fachpolitisches Engagement“ wird er am 11. Mai 2012 an der Freien Universität ausgezeichnet; der Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie der Universität verleiht Lee Shulman die Ehrendoktorwürde. Das Programm der akademischen Feier wird in Kooperation mit dem Max-Planck-Institut für Bildungsforschung gestaltet.

Lee Shulman wurde in den 1930er Jahren in Chicago als einziger Sohn jüdischer Einwanderer geboren und wuchs dort auf. Er studierte mit einem Stipendium Philosophie und Psychologie an der University of Chicago und interessierte sich früh für die Struktur verschiedener Disziplinen. Von 1963 an lehrte und forschte Lee Shulman an der Michigan State University, 1982 wechselte er an die Stanford University, an der er auch nach seiner Emeritierung bis heute tätig ist.

Im Mittelpunkt seiner langjährigen Arbeit stehen die Herausforderungen des Schulunterrichts und die Entschlüsselung der intellektuellen Anforderungen, die der Unterricht an Lehrkräfte und damit auch an Schüler stellt – Shulman erachtet die alltägliche Arbeit in Schulklassen als das „komplexeste menschliche Unterfangen überhaupt“. Der Dekan des Fachbereichs Erziehungswissenschaft und Psychologie, Professor Harm Kuper, hebt die von Shulman entwickelten Verfahren und Konzepte hervor, „die eine Beurteilung und Entwicklung von Lehrerexpertise unter Berücksichtigung der Komplexität des Handelns in der Schulklasse ermöglichen“.

In Shulmans Wirken markierte hierbei das Jahr 1986 eine Zäsur: Er führte den Begriff des fachdidaktischen Wissens ein und setzte damit neue Maßstäbe in der Lehrerbildung und für die Arbeit in Schulklassen. Für ihn umfasst dieses Konzept des „Pedagogical Content Knowledge“, das für alle Unterrichtsfächer gelten soll, „die nützlichsten Darstellungsformen für bestimmte Gedanken, die kraftvollsten Analogien, Illustrationen, Beispiele, Erklärungen und Darstellungen – kurz gesagt, alle Möglichkeiten der Präsentation und Formulierung, mit denen ein Thema anderen verständlich vermittelt werden kann“.

Neben dem Begriff des fachdidaktischen Wissens gehen auf Shulman die für das professionelle Verständnis von Lehrern heute ebenfalls unabdingbaren Kategorien des pädagogischen Wissens – er spricht von „Weisheit der Praxis“ – und des theoretischen Fachwissens zurück. Es sind diese Verdienste, die der Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie der Freien Universität in seiner Begründung für die Auszeichnung würdigt: Von Shulmans „wissenschaftlicher Strahlkraft“ seien „in vielfacher Hinsicht wichtige Impulse für die Weiterentwicklung der Lehrerbildung in Deutschland ausgegangen“, heißt es. Als Beispiel werden die „Standards für die Lehrerbildung“ genannt, die die Kultusministerkonferenz 2004 verabschiedete und in der Shulmans Konzept des fachdidaktischen Wissens eine zentrale Bedeutung beigemessen worden sei. Ganz praktisch habe sich dies beispielsweise auf die Reform des Lehramtsstudiums in Berlin ausgewirkt: Die fachdidaktischen Anteile im Studium und in den Unterrichtspraktika seien deutlich aufgewertet worden.

Lee Shulman selbst ist tief berührt von der bevorstehenden Ehrung und dem wissenschaftlichen Echo auf seine Konzepte insgesamt: „Es bedeutet mir sehr viel, dass eine führende deutsche Universität und eine wegweisende Forschungsinstitution gemeinsam meine Arbeit auf diese Weise würdigen“, sagt er. Es seien vor allem deutsche Wissenschaftler gewesen, die seine Konzepte fortentwickelt hätten. Er freue sich auf die Gespräche mit Wissenschaftlern und Studierenden.

Diese Vorfreude wird in Berlin geteilt: An den Arbeiten Shulmans, darunter sein Werk „Von einer Sache etwas verstehen: Wissensentwicklung bei Lehrern“, kommt wohl niemand vorbei, der ein Lehramtsstudium absolviert. Die Geschäftsführerin des Zentrums für Lehrerbildung (ZfL) der Freien Universität, Diemut Ophardt, bescheinigt Lee Shulman „absoluten Klassikerstatus für die Lehrerbildung“. Dies zeige sich beispielsweise daran, dass es in dem Feld kaum einen Forschungsantrag gebe, in dem sein Name nicht genannt sei. Mit der Ehrung Shulmans weise die Freie Universität „auf ein modernes Grundverständnis des Lehrerberufs hin“, das auch die Leitlinie für die Arbeit des ZfL sei: „Lehrpersonen brauchen nicht nur ein sehr vielseitiges Repertoire von Wissen und Können, das sie situationssensibel in der Praxis einsetzen, sondern sie übernehmen auch ein bedeutsames gesellschaftliches Mandat und sind sich dieser Verantwortung bewusst.“

Schon am 10. Mai, dem Tag vor der Verleihung der Ehrendoktorwürde, ist Lee Shulman Gast einer öffentlichen Veranstaltung an der Freien Universität. Bei einer Podiumsdiskussion zum Thema „Professionalierung der Lehrerbildung“ debattiert Shulman mit anderen renommierten Wissenschaftlern aus den USA und aus Deutschland. Erwartet werden die Professoren für Bildungswissenschaft Richard Shavelson von der Stanford University und David Berliner von der Arizona State University, der Erziehungswissenschaftler Professor Fritz Oser von der Universität Freiburg und der Bildungsforscher Professor Jürgen Baumert vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, der im Rahmen der Verleihung der Ehrendoktorwürde die Laudatio halten wird. Die Veranstaltung im Hörsaal 1a in der Habelschwerdter Allee 45 in Dahlem beginnt um 13.30 Uhr. Sie ist ebenso öffentlich wie der akademische Festakt zur Verleihung der Ehrendoktorwürde am 11. Mai im Hörsaalgebäude Henry-Ford-Bau in der Garystraße 35, der um 10.00 Uhr beginnt.

Lehrern, Lehramtsstudierenden und allen anderen Interessierten wird Shulmans Wirken in diesem Sommersemester immer wieder an der Freien Universität begegnen: In den „Lauben Lectures“ des Zentrums für Lehrerbildung werden Projekte zur Weiterentwicklung der Lehrerbildung vorgestellt, die „alle die Handschrift Shulmans tragen“, wie Diemut Ophardt sagt.

Im Internet:

www.fu-berlin.de/zfl

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