Zeitung Heute : Visionär der Träume

Marcel Wanders ist der Alchemist unter den niederländischen Kreativen.

Maartje Somers
„United Crystal Woods“ (Baccarat) von Wanders aus Kristallglas und Marmor.
„United Crystal Woods“ (Baccarat) von Wanders aus Kristallglas und Marmor.

Der Designer Marcel Wanders (Boxtel, 1963) gehört wie Blumenzwiebeln, Käse und Schweine zu den weltberühmten niederländischen Exportartikeln. Seit ihm 1996 mit dem „Knotted Chair“, einem aus geknoteten Seilen und Epoxidharz gefertigten Stuhl, sein Durchbruch gelang, kann man ihn zu den erfolgreichsten Mitgliedern des Dutch Design rechnen. Aber wie niederländisch ist dieser Dutch Designer überhaupt noch? Der „Knotted Chair“ sieht schlicht, fast spartanisch aus. Auch Wanders’ Entwürfe für die von ihm mitgegründete Firma Droog haben dieses Kennzeichen. Aber Objekte für sein neueres Label Moooi oder für maßgebende Unternehmen wie Capellini, B & B Italia, Moroso sind weit von jedem klassisch-niederländischen Calvinismus entfernt. Seine riesige Lampe „Calvin“ zum Beispiel, eine Art Tischlampe, aber fast drei Meter groß, wurde scheinbar von Alice im „Wanderland“ erfunden. Riesenblumenmotive für Tapeten oder Teppiche, die man vielleicht auch gerne in Schloss Oranienbaum hätte nutzen können, gefallen ihm auch – so wie Geschirr und Vasen in fast betrunkenen Variationen des Holländischen Delfter Blau.

So wie seine Geschäfte, so sind auch seine Entwürfe im Lauf der Zeit immer glänzender, größer, glamouröser geworden, bis zu der Grenze des Kitsches – und darüber hinaus. Wanders fürchtet kein Bling-Bling. Umgekehrt scheint sich fast alles, was er anfasst, in Gold zu verwandeln. Er arbeitet von Amsterdam bis Miami und Dubai, ist produktiv, macht Möbel, Interieur und Zubehör, experimentiert aber auch mit Architektur und Kleidung. Seine Entwürfe werden weltweit in Museen gezeigt, aber er entwarf auch Massenprodukte für Kaufhausketten wie Marks & Spencer.

Haben wir es mit einem Visionär zu tun oder mit einem klugen Unternehmer, jemanden, der den Designzirkus mit einem gefallsüchtigen Augenzwinkern betrachtet? Wanders entwarf ein goldenes Bällchen und schrieb eine ganze Geschichte dazu; das Bällchen sei eine Tat des Widerstands gegen herrschenden Minimalismus und Intellektualismus in Designerkreisen. Und dann hat er das Bällchen auf seine Nase gesetzt. Ein glattes Foto von Wanders mit goldener Clownsnase ist seitdem sein Logo.

Am besten hat vielleicht der Designer Daniel van der Velden den Erfolg Wanders’ erklärt. Dessen These, Dutch Design verkörpere die Neuen Niederlande, ist allerdings bemerkenswert. Nicht nur Wanders, auch niederländische Wähler sind neuerdings von Anti-Elitarismus und Anti-Intellektualismus geprägt. Protestantische Tugenden wie Einfachheit sind verschwunden, die Holländer sind zurzeit die Italiener des Nordens, lassen sich strengen Funktionalismus also nicht länger vorschreiben. Weg mit der Knappheit! Dekadenter Neobarock passt uns jetzt besser! Und schon gibt es Wanders’ Luxustapete für den Baumarkt „Karwei“. Achtung! Toller Preisknaller! Design ab drei Euro pro Meter!

Diese Entwicklung findet selbstverständlich nicht nur in den Niederlanden statt. Wanders stellt ein mittlerweile völlig demokratisiertes Jetset-Gefühl dar, wusste aber gleichzeitig bei Museums- und Geschäftseliten populär zu bleiben. Selbst sagt er, Designer müssten Zauberer, Alchemisten sein. Sie sollten die Gesellschaft nicht effizienter und schöner machen, sondern die Menschen träumen lassen. Wie immer steckt jedoch hinter Zauberkunst eine ziemlich prosaische Wahrheit. Design wird immer wichtiger für die schnell gelangweilten und ruhelosen Konsumentengruppen der Welt, für die eine neue Lampe keine neue Lampe, sondern ein Erlebnis sein muss. Gerade diesem Bedürfnis kommt Designweltmeister Wanders entgegen. Maartje Somers

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben