Zeitung Heute : Visionärer Rucksackberliner

Der Tagesspiegel

Von Lothar Heinke

Volker Hassemer, der höfliche Mensch: Wie er sich voll auf den Gast konzentriert, Telefone und Handys ausschaltet, wohl überlegte, temperamentvoll-blumige, weit ausholende Antworten zu simplen Fragen gibt – Hassemer, der Profi. Man fragt sich, ob es der ehemalige Senator überhaupt mal übers Herz bringt, herumzuschreien. Der Mann war und ist Gentleman, irgendwie scheint er nicht hineinzupassen in diese ruppige Stadt. Aber er verkauft sie – bis heute.

Nun packt er ein paar Sachen in seinem ziemlich aufgeräumten, hellen Eckzimmer in der Charlottenstraße und verlässt die Kommandobrücke bei „Partner für Berlin“, der Gesellschaft für Hauptstadtmarketing, damit Investoren leuchtende Augen kriegen, wenn der Name fällt. Er geht, weil er frei sein möchte für etwas Neues. Vielleicht sind sechs Jahre genug. Die Gestaltungsräume sind ausgeschritten. So etwas wie die Schaustellen-Sensation scheint erschöpft, die „Lange Nacht der Museen“ ist ein Selbstläufer. „Dass wir solche Methoden des Marketings entwickeln und immer wieder neue Ideen dazu kriegen, das hat mich fasziniert“.

Hassemer konnte Berlin beredt und mit überzeugender Leichtigkeit hauptstädtischen Seins verkaufen. Berlins Vorzüge kennt der Lokalmatador. Aber, lieber Ober-Partner, welche Schwachpunkte hat diese Stadt? „Die Berliner sind mir oft zu cool. Es wäre schön, wenn sich mehr mitreißen lassen würden. Ich war zufällig in Sydney, als damals die Entscheidung für die Olympiastadt fiel. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie junge Punks und alte Bänker eine große Euphorie vereinte – ein bisschen mehr Lust an der eigenen Sache mit einer begründeten Zuversicht würde ich mir schon wünschen...“ Hassemer findet, dass wir viel zu viel über uns selbst lamentieren: Die Berliner können mit ihren Glücksfällen schlechter umgehen als mit ihren Problemen, sie finden im Glück insbesondere die problematischen Seiten. Das ist natürlich schrecklich, gerade jetzt, wo diese Stadt wirklich Probleme hat, aber die werden „Gott sei Dank von außen so gut wie gar nicht wahrgenommen. Da ist der Blick auf Berlin viel euphorischer, sehr viel begeisterter. Berliner Pleite? Das ist international keine Kategorie. Wir sollten wissen, dass die Politik für eine Stadt wichtig ist, aber beileibe nicht alles. Eine Stadt ist sehr viel mehr als ihre Politik. Was wissen wir denn über die Stadtpolitik von London, Paris oder Tokio? Der Glanz und die Attraktivität dieser Städte hängt von etwas ganz anderem ab.“

Mit Pleiten ist ja nun auch gerade kein Staat zu machen. Aber womit können wir denn angeben? „Mit einer Interessantheit, die wir nicht behaupten, sondern die für uns steht“, sagt er in seiner feinsinnigen Art, Satzgebilde mit viel Raum für Interpretationen zu gebären. In aller Unbescheidenheit: Wir sollten nicht mit aufgeblasenen Backen rumlaufen. Wir sind noch nicht ausgewachsen. Aber auf gutem Weg. Doch es wird mindestens 25 Jahre dauern, bis der 1989 begonnene Wachstumsprozess vorbei ist. Volker Hassemer, der Niedersachse, möchte nur hier im Vereinigungs-Labor zu Hause sein, „da gibt es für mich in Deutschland keine Alternative: Berlin wird mich nicht los“.

Wenn ein „Rucksackberliner“ schon so verwurzelt ist – wie möchte er diese Stadt jetzt und in Zukunft haben? „Berlin darf sich vor allem nicht zur Ruhe legen. Das, was wir jetzt haben – Kampf und Dramatik und so etwas – passt zu dieser Stadt. So ist Berlin. Wenn einer ein wohl geordnetes Gemeinwesen sucht, wo alles schon fabelhaft in der Vitrine steht, dann sollte er nicht nach Berlin kommen. Dann wird er ein bisschen verwirrt sein. Es gibt bis zum Abwinken, vor allem in Westdeutschland, Städte, wo er so etwas findet. Hier in Berlin wird es, im positiven wie im negativen Sinne, abenteuerlich sein“. Bei so viel Visionspotential will er wieder einmal freiwillig seinen Stuhl räumen? „Ich werde auch in Zukunft bei Projekten mit anderen zusammenarbeiten, für Berlin stehen und einstehen, außerhalb des Politischen. Mein Thema Berlin wird mich wohl nicht verlassen, aber die Art und Weise.“ Er will sich nicht prä gen lassen von einer Funktion, sondern „in eine Art von Freiheit hineinstarten, die mir eher Möglichkeiten eröffnet, mich für Sachen zu engagieren, auch wenn sie übrigens kein Geld bringen“.

Volker Hassemer lä sst sich nicht in die Karten gucken und wehrt entschieden ab, dass wir ihn zum Jung-Unternehmer machen. „Nein, nein, Institutionen interessieren mich nicht“. Die Leute bei „Partner“, das künftig von Friedrich-Leopold Freiherr von Stechow von der DZ-Bank geleitet wird, vermuten, dass Hassemer Berater in allen Berliner Lebenslagen wird. „Erst einmal ausatmen!“

Heute lädt er seine Kollegen in die Wohnung nach Zehlendorf ein, morgen fliegt er nach Mallorca, „aber eine Woche später bin ich wieder hier“.

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