Zeitung Heute : Visionen für die Metropolen

Mit „EnyCity“ wagt die EnBW AG neue Energiekonzepte für die Stadt der Zukunft

Heiko Schwarzburger

Den wachsenden Energiehunger der Zivilisation zu stillen, ohne die natürlichen Grundlagen des Lebens zu zerstören: Dieses Problem zu lösen, gehört zu den wesentlichen Zukunftsaufgaben der Menschheit. Galten bislang vor allem die Ballungszentren Westeuropas, Japans und Nordamerikas als Energiefresser, rücken nun auch die Milliardenvölker Asiens und die Schwellenländer Lateinamerikas in die vorderste Riege der Industrienationen auf. In China beispielsweise entstehen neue Städte auf der grünen Wiese, um die wachsenden Industriegebiete mit attraktiven Wohnsiedlungen zu verbinden. Die EnBW AG hat im Rahmen des „Impulskreis Energie“ in der Initiative „Partner für Innovation“ eine Task Force gegründet, um Modelle für energieoptimierte Städte zu entwickeln – Modelle, die sich überall auf der Welt verwirklichen lassen. Viele der neuen Siedlungen Asiens entstehen auf dem Reißbrett. Die dadurch gegebene große Anzahl an Freiheitsgraden bietet die Chance, ihren Energiehunger durch die sinnvolle Kombination moderner Technologien und Systeme um bis zu einem Fünftel zu senken.

Wolfsburg und Eisenhüttenstadt waren die letzten größeren Industriestädte, die in Deutschland gebaut wurden. In Fernost sind solche Satellitenstädte angesichts der rasanten Entwicklung der Wirtschaft und der Bevölkerung unumgänglich. Die EnBW AG hat exemplarisch für eine Industriestadt an der südchinesischen Küste ein Konzept entworfen, nach dem die Infrastruktur, die Ansiedlung der Industrie und der Wohngebiete dem Leitbild einer nachhaltigen Energieversorgung folgen. Die Metropole soll im Endausbau von rund 800 000 Menschen bewohnt werden – bei einer Fläche von circa 250 Quadratkilometern.

In Südchina herrschen kalte Winter und heiße Sommer. Würde man von Anfang an nur gut gedämmte Gebäude errichten, ließen sich etliche Prozent Energie allein für Heizung und Klimatisierung einsparen. Wer einmal in diesen Regionen war, kennt die schweißtreibende Luftfeuchtigkeit während der Sommermonate dieser Weltgegend. Die Schwüle macht es notwendig, die Räume zu entfeuchten.

Besondere Herausforderungen ergeben sich aus der wirtschaftlichen Dynamik Südchinas: Dort entstehen gegenwärtig große Industriezentren, werden neue Häfen gebraucht, neue Eisenbahnlinien und Flugplätze. Doch wer weiß schon, wie viel Prozent der Chinesen ihren Reis lieber mit Gas kochen und wie viele mit Strom?

Das achtköpfige Kernteam von „EnBW EnyCity“ wurde für solche Detailfragen um zusätzliche Experten verstärkt, wuchs zeitweise auf zwanzig Mitarbeiter. In einem ersten Planungsschritt wurden repräsentative Gebäudetypen, wie Wohnhäuser, Wohnhochhäuser und Bürohochhäuser definiert und deren Energiebedarf ermittelt. Dann wurde die Energietechnik für die Gebäude geplant. Dazu gehören unter anderem Entfeuchter, Klimaanlagen, Heizung und Beleuchtung. Wesentliches Kriterium war, dass sich die Zusatzkosten für die moderne Technik in überschaubarer Zeit amortisieren, sich also die Investitionen gegen die Energieeinsparungen rechnen. Danach führten die Experten die Optimierung in der energetischen Kette fort: Ausgehend vom prognostizierten Verbrauch wurden verschiedene Konzepte für die Energieerzeugung entwickelt. Die Spanne reicht von zentralen bis zu stark dezentralen Versorgungskonzepten auf Basis verschiedener Primärenergieträger wie Kohle, Gas oder regenerativer Quellen.

Im Rahmen von „EnBW EnyCity“ entwarfen die Experten zudem Methoden, um die Versorgungsnetze zu optimieren und die Energieerzeugungsanlagen zuverlässig mit Gas, Kohle oder Biomasse zu beliefern. Die Herausforderung des Projektes liegt in der Zusammenführung verschiedener Komponenten der Energie- und Gebäudetechnik. Modernste und erprobte Technologien werden derart kombiniert, damit in der Summe mehr Energie eingespart wird als durch Einzellösungen.

Das Spektrum der Ideen reicht von Wärmepumpen, Brennstoffzellen und Solartechnik über neue Ansätze aus der Architektur und Bauphysik bis hin zu modernen Materialien für energieeffiziente Gebäude. Beispielsweise lässt sich der Aufwand für Klimaanlagen, die im Sommer die Raumluft kühlen sollen, erheblich senken, wenn man die Gebäudehülle isoliert und die Fenster verschattet. Solche Gebäude sind in den heißen Monaten naturgemäß kühler. Teil der Betrachtung war auch die Ergänzung der zentralen Wärmeerzeugung um zentral erzeugte Kälte. Des Weiteren wurde die Kombination von Klimaanlagen und Wärmepumpen in den Analysen berücksichtigt. Das Optimum lässt sich nur konkret für eine bestimmte Stadt ermitteln. Da pauschale Aussagen wegen der Komplexität des Gesamtsystems nicht möglich sind, wurden von der EnBW Task Force verschiedene Szenarien entwickelt, in denen die Energiekreisläufe für Strom, Gas, Wärme und Kälte gemeinsam betrachtet werden.

Mit „EnBW EnyCity“ wagt der baden-württembergische Energieerzeuger Visionen, in dem verschiedene Systeme der Gebäudetechnik, der Energieverteilung und der Energieerzeugung aufeinander abstimmt werden. Das Ziel ist es, deutsche Spitzentechnologie auf diesem Gebiet auf den rasant wachsenden Märkten in Asien zu vermarkten – in integrierten Konzepten.

Schon heute ist Energietechnik „Made in Germany“ ein Exportschlager: Nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums macht dieser Bereich schon fünf Prozent der gesamten deutschen Ausfuhren aus. „Mit unserer Energiestadt der Zukunft wollen wir ein Bewusstsein für das gewaltige, auch global bedeutsame Innovationspotenzial in Deutschland zum Thema Energie schaffen und unser Know-how für urbane Regionen weltweit nutzbar machen“, erläutert Utz Claassen, Vorstandsvorsitzender der EnBW AG.

Neben der Energieeinsparung von bis zu zwanzig Prozent stößt eine Stadt, die nach den Prinzipien von „EnBW EnyCity“ aufgebaut wird, bis zu dreißig Prozent weniger Kohlendioxid aus. Energie wird immer teurer, und seit der Emissionshandel um sich greift, hat auch Kohlendioxid seinen Preis.

Das Projekt der „EnBW EnyCity“ ist demnach keine technische Spielerei, sondern verfolgt handfeste wirtschaftliche Ziele: Bis 2030 wird sich nach Angaben der Internationalen Energie-Agentur (IEA) der Energiebedarf der Volksrepublik China verdoppeln. Für den Energiesektor des Riesenreichs werden in den nächsten 25 Jahren rund 2000 Milliarden US-Dollar Investitionen notwendig. Im „EnBW EnyCity“-Projekt arbeiten deshalb Ingenieure und Ökonomen zusammen. Es geht um eine Machbarkeitsstudie, aus der sich durchaus auch Impulse für neue Industriezentren in Deutschland ableiten lassen. Es werden hierzulande in absehbarer Zeit keine neuen Städte gebaut, wohl aber manches Gewerbezentrum oder neue Siedlungen. Auch hierauf lassen sich Ideen aus dem „EnBW EnyCity“-Projekt übertragen.

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