Zeitung Heute : Visionen im Vergleich

Die TU Berlin erinnert an die „Allgemeine Städtebauausstellung“ vor 100 Jahren

Sybille Nitsche

Vor vier Jahren wurde der Neubau des Berliner Hauptbahnhofs eingeweiht. Die Idee aber, an diesem Ort einen Zentralbahnhof zu errichten, ist beinahe 100 Jahre alt. Die Pläne dafür waren auf der internationalen „Allgemeinen Städtebauausstellung“, die 1910 in Berlin stattfand, erstmals öffentlich gezeigt worden. Das 100-jährige Jubiläum ist für die TU Berlin Anlass, an das Ereignis zu erinnern. Die Ausstellung „Stadtvisionen 1910/2010“ will Berlin als einen Ort städtebaulichen Experimentierens würdigen und zeigen, mit welchen Herausforderungen die Metropole damals und heute konfrontiert ist.

Die Ausstellung von 1910 fand in einem kreativen Umfeld statt und war erstmalig der Versuch, Lösungen zu finden für die Probleme jener Großstädte wie Chicago, London, Paris und Berlin, die mit der rasanten Industrialisierung der Gesellschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts einhergingen.

„Berlin war damals ein Zentrum der Städtebaudiskussion und der Städtebauwissenschaft“, sagt Harald Bodenschatz, Professor für Planungs- und Architektursoziologie an der TU Berlin. Zusammen mit Hans-Dieter Nägelke, dem Leiter des Architekturmuseums der Universität, initiierte er die „Stadtvisionen 1910/2010“.

Im Vorfeld der Ausstellung von 1910 wurden an der Königlich Technischen Hochschule, der Vorgängereinrichtung der TU Berlin, zwei Lehrstühle für Städtebau eingerichtet: Felix Genzmer erhielt 1903 einen Ruf, Joseph Brix 1904. 1908 wurde zudem das „Seminar für Städtebau“ ins Leben gerufen, an dem fast alle Koryphäen jener Zeit teilnahmen, die sich mit dem Thema beschäftigten. Dazu gehörte auch Josef Stübben (1845 bis 1936), der wohl bedeutendste Städtebauer dieser Zeit.

„Diese Aktivitäten beruhten darauf, dass Berlin damals die deutsche Stadt mit den größten Problemen war“, sagt Bodenschatz. Sie war kommunal und damit verwaltungstechnisch völlig zersplittert und wuchs chaotisch. „Die katastrophale Wohnungssituation tausender Arbeiter in den Mietskasernen verlangte nach einer Lösung. Und angesichts des ungebremsten Wachstums stand Berlin vor der Aufgabe, eine angemessene Verkehrsinfrastruktur zu finden“, nennt der TU-Forscher nur einige der Herausforderungen. Es ging darum, die Entwicklung des städtischen Großraums zu planen, anstatt sie einem planlosen Wachsen zu überlassen.

Um auf die drängenden Fragen Antworten zu geben, wurde 1908 ein Wettbewerb zur Entwicklung Groß-Berlins ausgeschrieben. Die zum Teil visionären Pläne waren das Herzstück der Ausstellung von 1910. So entwarf Bruno Schmitz eine „Monumentalstadt“ für das Viertel um den Zentralbahnhof, und die „Continentale Gesellschaft für elektrische Unternehmungen“ präsentierte Pläne für eine Schwebebahn. Einen großen Raum in der Schau nahmen die Gegenentwürfe zu Berlins Mietskasernen ein. Dabei seien grandiose Ansichten entstanden, sagt Bodenschatz. „Was an Zeichnungen von dem Wettbewerb erhalten geblieben ist, befindet sich hauptsächlich im Besitz des Architekturmuseums der TU Berlin.“ Dieser einzigartige Fundus an historischen Dokumenten gab schließlich den Ausschlag für die Ausstellung in diesem Jahr.

Heute steht die Hauptstadt vor Problemen, die aus der Deindustrialisierung und dem Klimawandel resultieren. „Fragen, die in der Ausstellung thematisiert werden, betreffen etwa die Neuorientierung des Verkehrs – weg vom Auto, hin zu Fußgängern, Fahrrädern und dem öffentlichen Verkehr“, sagt Bodenschatz. „Zudem wird es um den Umgang mit den riesigen Beständen des sozialen Wohnungsbaus gehen, um die Stärkung ehemaliger Arbeiterquartiere, die Renaissance des Stadtzentrums und die Neubelebung von Stadtbrachen.“ Was aus Brachen werden könnte und wie umstritten das ist, wird die Schau unter anderem anhand des Mediaspree-Quartiers mit der O2-Arena oder anhand der Bebauungspläne für den Flughafen Tegel zeigen.

„Stadtvisionen“ ist ein Projekt der Nationalen Stadtentwicklungspolitik des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung und ein Beitrag der TU Berlin zum Wissenschaftsjahr der Stadt. Sybille Nitsche

Die Ausstellung „Stadtvisionen 1910/2010“ findet statt vom 14. Oktober bis 10. Dezember 2010 im Architekturforum der TU Berlin, Straße des 17. Juni 152.

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