Zeitung Heute : Vitamin B für Anfänger

Vor allem für Berufseinsteiger sind die Nachwuchsveranstaltungen wichtige Informationsquellen

Ina Brzoska

Mit einem Stapel Bewerbungsflyer und einem klaren Berufsziel hat Babett Kürschner bei potenziellen Wunsch-Arbeitgebern persönlich vorgesprochen. Dafür bahnte sie sich den Weg durch die 160 Stände auf der Karrieremesse Connecticum der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft. Beim Stand der Lebensmittelkette Norma hatte sie Glück: Das entscheidende Gespräch mit dem Personaler ergab sich auf der Messe bei einem gemeinsamen Mittagessen.

„Ich wollte unbedingt einen abwechslungsreichen Job, in dem ich mit vielen Menschen in Kontakt bin“, sagt die 26-Jährige. Kürschner schaffte den Einstieg in den Beruf auf Anhieb: Heute betreut sie als Personalerin 34 Mitarbeiter in den Filialen der Lebensmittelkette Norma in ihrer Heimat Sachsen-Anhalt.

Der Sprung von der Hochschule in den Beruf fällt den meisten Absolventen schwer. Oft fehlt das nötige Vitamin B, denn um begehrte Traineestellen konkurrieren nicht selten mehrere hundert Kandidaten. Immer mehr Studenten und Absolventen nutzen deshalb Firmenkontaktmessen, um über diesen direkten Weg den Sprung in den Beruf zu schaffen. Rund 250 solcher Messen gibt es jährlich bundesweit. Ganz vorn dabei sind auch Berlin und Brandenburg.

„Studenten sollten sich auf eine Messe genauso gut vorbereiten wie auf eine Klausur “, sagt Christoph Seger von der Studentenorganisation Bonding in Berlin. Zum 15. Mal organisiert er in einem Team aus 15 Studenten die Berufseinsteigermesse an der Technischen Universität Berlin (TU). In einer Vorbereitungswoche werden die Messeteilnehmer fit für die Bonding gemacht. Im Angebot stehen Tipps zu Bewerbungsgesprächen, Assessmentcentern und Bewerbungsmappen. Im Fokus steht, wie die Messe sinnvoll genutzt werden kann.

Wichtig bei den Vorgesprächen: Wer mit Qualifikationen wirbt, sollte sich bewusst sein, dass diese sofort abgefragt werden könnten. „Plötzlich diskutieren Personaler auf Englisch oder Spanisch mit dir“, berichtet Christian Dörtenbach, Student der Betriebswirtschaftslehre (BWL) in Berlin. Bei seinem Besuch auf einer Jobmesse in Frankfurt am Main hat er beobachtet, wie ein Bewerber sich mit Kenntnissen im Rechnungswesen brüstete. Daraufhin schlug der Mitarbeiter der Unternehmensberatung Roland Berger ein Buch auf und befragte den Studenten zu speziellen Fachbegriffen. „Er hatte Glück, dass er wirklich gut Bescheid wusste, sonst wäre es peinlich gewesen“, sagt Dörtenbach.

Rund 70 Unternehmen werben dieses Jahr am 7. und 8. November im Hauptgebäude der TU um Nachwuchs – darunter viele Firmen aus der Automobilbranche wie MAN oder Daimler-Chrysler. Die Zahl der Aussteller steige kontinuierlich, sagt Seger – in letztem Jahr waren es noch 61 Firmen. Vor allem Wirtschaftsingenieure sind gefragt. Unternehmen entsenden deshalb nicht nur Personaler, sondern auch Spezialisten.

„Der persönliche Dialog auf der Messe ist häufig der erste Schritt zum künftigen Arbeitgeber“, sagt Uwe Herz von der Deutschen Bahn. Rund 100 Nachwuchskräfte sucht das Unternehmen pro Jahr und nutzt dazu die Berliner Karrieremessen Connecticum und Bonding. Nicht nur gute Noten, sondern auch Auslandserfahrungen, ehrenamtliches Engagement und Praktika kommen gut an. „Was zählt ist der Gesamteindruck“, sagt Herz. Im persönlichen Gespräch spiele auch Kommunikationsfähigkeit und Sympathie eine große Rolle.

Auf der Connecticum waren die Stände der rund 160 Aussteller in diesem Jahr gut besucht. Rund 16 000 Teilnehmer zählten die Veranstalter an den beiden Messetagen im April 2006. Nicht selten bildeten sich Menschentrauben um die Stände großer Unternehmen wie Henkel oder Siemens. Auch Forschungsinstitute wie das Fraunhofer Institut sowie kleine und mittelständische Firmen zeigen dort Präsenz.

Potenzielle Arbeitgeber gibt es also genügend, aber trotzdem können sich Bewerber mit einer guten Vorbereitung einen Vorteil verschaffen: „Wir freuen uns vor allem über Studenten, die unser Unternehmen bereits kennen“, sagt Bernd Böttcher von der Management- und Technologieberatung Bearingpoint. Als Gründungsmitglied und Aussteller rekrutiert die Firma mit 1500 Angestellten bis zu zehn Praktikanten und Mitarbeiter pro Messe. „Neben dem persönlichen Kontakt ist es uns auch wichtig, unsere Unternehmenskultur zu vermitteln“, erklärt Böttcher.

Auch wenn vor allem Ingenieure und Betriebswirtschaftler gesucht werden – es gibt einen Lichtblick für Sozial- und Geisteswissenschaftler: Studierende der Europa-Universität Viadrina veranstalten in Frankfurt an der Oder unter der Leitung des Career Centers die deutsch-polnische Karrieremesse Viadukt. Am 16. November werden Aussteller neben BWL-Studenten mit Osteuropa-Bezug auch Kulturwissenschaftler und Juristen anwerben. Als Arbeitgeber präsentieren sich deshalb viele Stiftungen und Institutionen wie beispielsweise das Auswärtige Amt, das Institut für Auslandsbeziehungen, der Museumsverband des Landes Brandenburg oder das Institut für angewandte Geschichte.

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