Zeitung Heute : Vitamine: Umfrage: Wer die Schluckspechte sind

Sieht man sich die Vitaminschlucker genauer an, stößt man auf ein Paradox. Diejenigen, die Tabletten futtern, haben nicht nur einen höheren Schulabschluss, sie leben auch gesünder, ernähren sich besser, sind schlanker, trinken weniger Alkohol, treiben mehr Sport. Sie hätten es eigentlich am wenigsten nötig, in die Pillenbox zu greifen. Warum tun sie es trotzdem? Sie suchen, laut Umfrage der Universität Hannover, vor allem "Schutz vor Krankheiten". Sie wollen den Blitzableiter nicht erst aufs Dach setzen, wenn das Haus schon brennt. Sie wollen vorsorglich etwas gegen Erkältungen und Stress tun, aber auch gegen Krebs und Herztod vorbeugen. Sie bekämpfen das Zivilisationsübel Müdigkeit und Erschöpfung, sehnen sich nach Fitness und Vitalität. Die Werbung verstärkt die Illusionen: "Wenn die Vitaminspeicher leer sind...", heißt es da, oder "wenn Sie sich müde fühlen". Und müde ist fast jeder.

Bereits ausgebrochene Krankheiten sind ein weiteres Motiv. Wer schon angeschlagen, womöglich chronisch krank ist, setzt auch ohne ärztliches Anraten häufig auf die Vitaminspritze. Das ist zwar in der Regel nutzlos, aber es vermittelt das angenehme Gefühl, dem Körper Gutes zu tun.

Und noch eine erstaunliche Zahl: Nur 16 Prozent der Vitaminschlucker halten die Aussagen der Pharmakonzerne in der Vitaminwerbung für seriös. Die große Mehrheit glaubt den Pillendrehern kein Wort - und rennt trotzdem in die Apotheke.

Dazu passt, dass unter den 20- bis 30-Jährigen 69,5 Prozent noch nie eine Veränderung durch die Einnahme von Vitaminen beobachtet haben. Das hindert sie aber nicht daran, sie weiter brav zu schlucken. Die schiere Vernunft ist im Zusammenhang mit Gesundheit und Krankheit, mit der damit eng verwobenen Angst vor Schmerzen, Verfall und Tod ein seltenes Gut.

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