Zeitung Heute : Vivico: "Die Vivico ist nicht die Bahn"

Ihr Unternehmen scheint nicht gerade vom Glüc

Ihr Unternehmen scheint nicht gerade vom Glück verfolgt. Ob Lichterfelde Süd oder Gleisdreieck, bei fast allen Projekten stieß die Vivico auf Widerstände in der Bevölkerung. Sind Sie die Bösen?

Über Konflikte lässt sich eben besser berichten als über Erfolge. Richtig ist aber, dass sich die Vivico im Kreuzfeuer der Kritik befindet aufgrund ihres Erbes: Viele sehen in uns noch eine öffentliche Gesellschaft, und da wir über Grundstücke in hervorragenden innerstädtischen Lagen befinden, weckt das Begehrlichkeiten von allen Seiten. Beim Gleisdreieck zum Beispiel gerieten wir ins Spannungsfeld von Landes- und Bezirkspolitik. Diese hatte den Anrainern Versprechungen gemacht, mit denen wir nun konfrontiert werden. Doch diese sind nicht immer mit unserem Auftrag zu vereinbaren, eine möglichst wirtschaftliche Vermarktung der ehemaligen Bahnflächen sicherzustellen.

Die Verhandlungen am Gleisdreieck ziehen sich seit sechs Jahren hin. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung hat jetzt einen Kompromissvorschlag vorgelegt. Werden Sie zustimmen?

Ja, aber es bleiben noch Detailfragen zu klären. Dabei geht es um die Abgrenzung der Baufelder vom Park. Wichtig ist, noch einmal daran zu erinnern, dass die Senatskanzlei ja 1994 mit dem Bundeseisenbahnvermögen sowie der Deutschen Bahn AG vereinbarte, dass 16 Hektar am Gleisdreieck unbebaut blieben. Damit konnte der Senat den vorgeschriebenen Grünausgleich dafür schaffen, dass das damals landeseigene Grundstück am Potsdamer Platz von den Investoren so dicht bebaut werden durfte. Unsere Vorgänger stimmten dem Grünausgleich zu, weil der Senat ihnen ein noch festzulegendes Baurecht auf den Restflächen zusagte. Wir tun nun nichts anderes, als dafür einen Konsens zu suchen.

Die Anwohner wollen dort einen Park...

Den bekommen sie, und er wird sogar 20 Hektar groß sein. Hinzu kommt eine Bebauung, die den Forderungen des Planwerks Innenstadt nachkommt, nämlich Berlin punktuell zu verdichten. Genau das ist am Gleisdreieck möglich.

Bausenator Peter Strieder forderte sie unverhohlen auf, das Angebot der Senatsverwaltung jetzt anzunehmen. Er sagte, dass die Bahn schließlich auch noch an anderen Stellen in Berlin bauen möchte...

Bei dieser Aussage geht einiges durcheinander. Die Vivico ist nicht die Bahn! Wir entwickeln und verwerten ehemalige Bahn-Grundstücke und sollen daraus Erlöse für das Bundesministerium für Verkehr erwirtschaften, damit dieses einen Teil der Milliardenkosten für die Bahn-Privatisierung refinanzieren kann. Aber es ist richtig, dass wir in Berlin viele Flächen haben und bei deren Entwicklung auf die Zusammenarbeit mit Baurechtsbehörden und Politik angewiesen sind. Auf der anderen Seite bieten diese Flächen ein erhebliches Potenzial für die Stadt. Und die Kommune kann nun einmal die Grundstücke nicht ohne den Eigentümer bebauen. Wir sind dazu verdammt, einen Kompromiss zu finden. Das werden wir auch, und wollen gemeinsam mit Land und Bezirken Sinnvolles für die Stadtentwicklung tun, in gemeinsamer Verantwortung.

Bekommt die Vivico von ihrem Eigentümer, dem Bund, Weisungen oder agieren sie wie ein Privatunternehmen?

Wir haben einen Aufsichtsrat, der durch den Eigentümer und damit also dem Bund besetzt ist. Aber wir sollen wie ein Privatunternehmen agieren, und das tun wir auch.

Ein Privatunternehmen muss die Gewinne maximieren. Wie soll das mit öffentlichen Interessen an öffentlichen Grundstücken vereinbar sein?

Die Grundstücke sind nur insofern öffentliche Flächen, als sie dem Bund gehören. Doch der Bund hat der Vivico einen rein wirtschaftlichen Auftrag gegeben. Da wir die Lasten der Bahn-Privatisierung für den Steuerzahler mildern, ist der Vorwurf, die Vivico sei ein Immobilienhai, absurd. Wir erwirtschaften Deckungsbeiträge für den Haushalt des Bundesverkehrsministeriums. Je mehr die Vivico also aus einem Grundstück oder einer Immobilie herausholt, desto stärker entlasten wir den öffentlichen Haushalt und damit die Bürger.

Wieviel sollen Sie insgesamt zum Bundeshaushalt beisteuern?

1996 hatte der Bund die Summe auf 13,4 Milliarden Mark festgelegt, doch auf Grundlage von Liegenschaftswerten aus der Zeit des Immobilien-Booms um 1994. Bisher haben wir mehrere Milliarden Mark abgeführt. Nun hat sich aber unser Auftrag verändert. Früher sollten wir Liegenschaften verkaufen, jetzt bauen wir einen Bestand auf und entwickeln diesen. Ab 2005 will sich der Bund schrittweise aus der Gesellschaft zurückziehen, Anteile verkaufen und dadurch Erlöse erzielen. Unser Vorteil gegenüber normalen Bauträgern liegt also darin, dass wir das Grundeigentum für unsere Projekte bereits besitzen. Bei uns tickt die Zinsuhr nicht bei jedem Projekt. Wir können notfalls mehrere Jahre mit einem Projekt warten.

So lange wird es am Stadtquartier um den Lehrter Bahnhof herum nicht dauern. Auf den südlichen Bahnhofsvorplatz wollten sie einen Kubus von Ungers bauen lassen. Bleibt es bei diesen Plänen?

Ungers ist noch im Rennen. Ich fände es auch sehr schade, wenn er den Kubus nicht bauen würde. Er hat ja auch den städtebaulichen Wettbewerb für diesen Bereich gewonnen. Und sein Projekt ist spannend. Ein Würfel mit jeweils 42,5 Metern Kantenlänge, also ein Gebäude mit einer Tiefe von 42,5 Metern, da sagt jeder: Das geht nicht. Doch genau darin liegt die Herausforderung. Natürlich ist auch die Lage spannend. Der südliche Vorplatz des Lehrter Stadtbahnhofes ist fast so groß wie der Alexanderplatz. Wer dort steht, findet auf der einen Seite das Bahnhofsgebäude mit dem riesigen, frei tragenden Glasdach, auf der anderen Seite sieht er im Hintergrund den Reichstag. Und dann, mitten auf diesem Platz, dieser Kubus.

Wie kommen die Planungen für die Neubauten am Lehrter Bahnhof voran?

Unsere Ingenieure lösen derzeit die technischen Probleme. Der Kubus wird über der Tunnelröhre für die B 96 stehen und das im gleichen Quartier geplante nördliche Hochhaus wird auf dem Tunnel der S 21 stehen. Unter dem Hochaus kreuzen sich sogar zwei Tunnel und genau auf dem Schnittpunkt wird das knapp 100 Meter hohe Gebäude errichtet.

Stehen die Architekten schon fest?

Nein. Wir sind derzeit im Auswahlverfahren für das gesamte Stadtquartier. Im Augenblick haben die Ingenieure das Wort, und planen die Gebäude technisch durch. Das engt die Architekten ein. Doch bei unserem Projekt Dorotheenhöfe hat sich gezeigt, dass gute Architekten umfangreiche technische Vorgaben als Herausforderung annehmen. Es reizt sie, trotz dieser Einengung eine eigene Sprache zu finden.

Die Dorotheenhöfe hat Ungers für Sie gebaut. Bekommt er nun auch den Zuschlag für den Kubus?

Ungers befindet sich noch im Wettbewerb.

Mit wem?

Ich möchte da jetzt keine Namen nennen.

Sagen wir: Kollhoff, Sawade, Jahn?

(lacht) Wir wollen nicht einfach nur die großen Namen ansprechen. Sie sind nicht die einzigen, die bei Wettbewerben gute Architektur liefern. Wir wollen auch junge, aber erfahrene Architekten ansprechen, Berliner, nationale und internationale Baumeister.

Nochmal: Sie sagten soeben, sie fänden es schade, wenn Ungers den Kubus nicht baut. Wozu dann noch die Ausschreibung?

Auch ein Ungers sollte gefordert sein. Bei den Dorotheenhöfen setzte er sich im Wettbewerb gegen fünf andere namhafte Büros durch. Beim Kubus haben auch andere Architekten eine Chance, doch natürlich hat Ungers einen Pluspunkt. Nicht wegen seines Namens, sondern wegen des Stils. Das Quadrat ist nun einmal die Form, die er seit je her favorisiert.

Ein ganz anderes Thema. An dieser Stelle war von Ihren Kündigungen der Verträge von Kleingärtnern zu lesen. Macht die Vivico alles zu Bauland?

Nein, wir machen nicht aus Kleingärten Bauland, rechtlich sind sie es in der Regel bereits. Zudem haben wir es häufig nicht mit Kleingarten-, sondern mit Erholungsanlagen zu tun. Diese stehen nicht unter dem Schutz des Bundeskleingartengesetzes. Unser Auftrag ist es, Flächen mit dem wirtschaftlich bestmöglichen Ergebnis zu verwerten. Und für ein Kleingarten ist nicht derselbe Erlös erzielbar wie für Bauland.

Nur leben in den Lauben häufig ältere Berliner, die sich hier vom Getöse der Großstadt erholen. Die können sich kein Einfamilienhaus im Grünen leisten. Kaufmännische Grundsätze in Ehren, aber als Gesellschaft des Bundes könnte auch ein wenig Sozialgewissen bleiben, oder?

Wir wissen, dass das Thema Emotionen schürt. Gerade für die eingeschlossene Teilstadt Westberlin haben die Kleingärten eine besondere Rolle gespielt, weil sie während der Berlin-Blockade mit zur Versorgung der Stadt beigetrugen. Dass jedoch die Kleingärtner nicht ewig auf ihren Parzellen bleiben können, sondern ihre Pachtverträge kündbar sind, ist ihnen bekannt. Wir bemühen uns dennoch, Ersatzflächen zu schaffen oder Entschädigungen zu zahlen. Wir haben auch versucht, neue Kleingärten zu schaffen, zum Beispiel hinter der Stadtgrenze bei Spandau. Aber die betroffenen Kleingärtner wollten da nicht hin, obwohl es nur zwei Regionalbahnstationen entfernt war. Wir versuchen, gerade auch älteren oder bedürftigen Kleingärtnern zu helfen. Doch die Stadt entwickelt und verändert sich nun mal. Das kann man nicht verhindern. Man kann aber die Härten abfedern.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben