Zeitung Heute : Viviens Geheimnis

Das Geld ist es nicht, was sie lockt. Aber was dann? Es ist „das Verruchte“, sagt sie. Eine Geschichte vom Einstieg ins Pornogeschäft

Jana Simon

Vivien steht mit verbundenen Augen an ein Holzkreuz gefesselt im Keller eines Kreuzberger Sexclubs. Eine Blondine im Tigerdress schlägt ihr mit der Peitsche auf den Po, ein Mann mit Igelhaarschnitt kniet vor ihr, das Gesicht zwischen ihren Beinen. Es ist heiß, Vivien hat gerötete Wangen. Sie stöhnt. Vor ein paar Stunden hat sie ihre geheimen sexuellen Fantasien auf ein Blatt geschrieben und es dem Regisseur, Hubertus Leischner, gereicht. Da weiß sie noch nicht, dass ihre Vorlieben ganz seinen Wünschen entsprechen: möglichst viele ausgefallene Details mit möglichst vielen Darstellern. „Je konkreter, desto spannender“, hatte er gesagt.

Vivien hatte auf einem Barhocker gesessen und ihre Hände hatten beim Schreiben ein wenig gezittert, die Aufregung. Sie kannte keinen der acht Darsteller, sah sich vorsichtig um. An den Wänden hingen Schwarz-Weiß-Bilder von nackten Männern beim Sex. Es war dunkel im Club, und es roch nach Essen, Sperma und Zigaretten. Sie hatte Sekt aus einem Plastikbecher getrunken und aus den Augenwinkel die anderen beobachtet: Janine La Teen, die rothaarige Pornoqueen, Gewinnerin des Venus-Awards 2004, zwei junge Männer, die sich Masken aufsetzten, damit niemand sie erkennen würde, drei Blondinen, zwei davon wurden von ihren Freunden begleitet, der Kleine mit der Igelfrisur und ein älterer Herr, der gar nicht eingeladen war und aussah, als komme er vom Gesundheitsamt. Vivien war dann auf die Toilette im Keller verschwunden, zum Umziehen. Da hatten die Produzenten von „Inflagranti“ noch an ihr gezweifelt, ob sie es bringe. Einmal war sie schon nicht zum Dreh erschienen. Die Geschichte eines Einstiegs.

Zwei Monate zuvor. Vivien hockt auf einer Couch in ihrem Wohnzimmer, raucht Tawa, die Zigaretten, die noch immer drei Euro kosten. Die Wände sind orange gestrichen, drei schwarze Sofas füllen den Raum. In einer Ecke steht eine Schaufensterpuppe, sie hat sehr wenig an, in der anderen ein DJ-Mischpult von Viviens Freund. Er ist gerade arbeiten. Vor dem Fenster liegt Hannover. Eine Vorstadtstraße. Zu diesem Zeitpunkt hat Vivien erst zwei Pornofilme gedreht, in großen Abständen.

Vivien nennt sie sich nur im Film. Eine Anfängerin wie sie trägt keinen Nachnamen, die schmücken nur die Stars. Ihre Haare sind blondiert, sie reichen bis zu den Schultern. Die schwarze Hose sitzt auf den Hüften, ihre Bluse kann man vor der Brust zuschnüren. Vivien ist schlank, hat ein rundes Gesicht, ihre Nase wirkt ein wenig flach, sie hat sie sich als Kind ein paarmal beim Sport gebrochen. Sie ist 25. Vor etwa einem Jahr hat eine Freundin ihr erzählt, dass sie Pornos drehe. Vivien fühlte sich angezogen, die Freundin erlebte etwas. „Probier’s doch“, sagte die. Vivien zögerte. Ihr Freund, ihre Eltern, ihre Moral. Der Oberkörper wiegt vor und zurück, als unterdrücke sie Schmerzen. Vivien konnte nicht aufhören, daran zu denken, wie es sein würde. Die Freundin vermittelte ihr den Kontakt zur Agentur Enjoy. Vivien fuhr nach Berlin. Es sollte ein erstes Kennenlernen werden. Vivien füllte eine Karteikarte aus, mit Angaben wozu sie bereit sei: Gruppensex, anal, oral, lesbisch, und wozu nicht: S/M und Natursekt. Eine Fotografin erschien und Vivien machte ihre ersten Nacktaufnahmen. Nachdenken musste sie nicht, alles schien so leicht. „Hat mir noch nie so viel ausgemacht, mich nackt zu zeigen“, sagt sie. Mit 100 Euro reiste sie wieder heim.

Der erste Produzent entdeckte sie auf der Agentur-Homepage und besuchte sie in Hannover. Er schnallte sich eine Kamera um den Bauch, so war er Darsteller, Produzent und Kameramann zugleich. „Subjektive Kamera“, nannte er das. Vivien fand den Mann attraktiv. Der Plot: Der Mann spricht sie auf Straße an, er wolle Fotos von ihr machen, sie soll sich zieren, ihm schließlich aber doch auf sein Hotelzimmer folgen. Vivien schweigt, lächelt. „Das Frauenbild ist ein bisschen abstoßend.“ Sie verdreht die Augen. „Ich bin schon emanzipiert, man muss sich seinen Teil denken.“ Sie bläst den Rauch ihrer Zigarette aus. „Ich würde schon gern mal bestimmen und nicht immer das Dummchen spielen.“

Die Medienwissenschaftlerin, Corinna Rückert hat eine Doktorarbeit zum Thema Frauen und Pornografie geschrieben. Darin kommt sie zu dem Schluss, dass Frauen Pornofilmen gegenüber nicht grundsätzlich abgeneigt sind, sie wünschen aber höhere Qualität, besser aussehende Darsteller, mehr Dialoge und weniger Großaufnahmen. Nur diese Art „Frauenpornos“, wie sie in der Szene genannt werden, will kaum jemand sehen. Die Kunden bleiben Männer. Und die wollen Sex sehen, ungeschützt. Kondome stören den Blick. Das ist ein Thema, bei dem alle in der Branche die Stimme senken. Kein angenehmer Gedanke. Erst vergangenes Jahr gab es den großen Skandal in den USA, mehrere Pornodarsteller hatten sich mit HIV infiziert und mehrere andere angesteckt. Die Pornowelt verlor ihre Jungfräulichkeit. In Deutschland darf der HIV-Test nicht älter als zwei oder drei Wochen sein und der Hepatitis C-Test nicht älter als zwei Monate. Was innerhalb dieser Frist geschieht, ist Spiel mit dem Schicksal. „Ein Restrisiko bleibt immer“, sagt Vivien leise. Auch sie dreht ungeschützt. Sie nimmt es hin. Verdrängung vielleicht. Vielleicht ist es auch so, dass eine Krankheit keine Gefahr mehr scheint, wenn man einmal die Grenze sich selbst gegenüber überschritten hat. Der Körper das fremde Wesen.

Das zweite Mal drehte Vivien für eine der größten Pornoproduktionen Deutschlands, Magma. Vivien fuhr in die ostdeutsche Provinz, nach Wittstock. Sie fühlte sich unsicher, hatte ihre Tage, wusste nicht, wie das gehen sollte. Für diese Situationen gibt es kleine Naturschwämmchen, die die Blutungen stoppen. Zwischendurch musste sie immer wieder unterbrechen. „Angenehm war es nicht“, sagt sie. Warum hat sie es trotzdem gemacht? Vivien hakt ihre Finger ineinander, sie weiß es nicht. „Peinlich darf es dir nicht sein“, sagt sie.

Am letzten Tag sollte sie in einer Szene mit zwei Männern Sex haben. Vivien lehnte ab. Das ging ihr zu weit, sie wollte nachdenken. Der Produzent war nicht begeistert, das nächste Mädchen wartete schon. Vivien reiste ab. Sie sieht nach unten, schweigt. Sie schaut oft nach unten, presst die Knie aneinander, die Füße zeigen dann nach außen, redet leise, die Stimme rau, raucht. Warum macht sie das? Riskiert Gesundheit, Ruf, Beziehung? Aus Spaß, Langeweile, wegen des Geldes? Diese Fragen kommen zu früh. Vivien hat keine Worte dafür. Sie ist sich auch noch nicht sicher, wie es weitergeht. Ihr Freund macht Ärger. Zu Beginn fand er es aufregend: seine Freundin, eine Pornodarstellerin. Nun beginnt er zu zweifeln, mag ihre Filme nicht mehr sehen. Was sagt das über ihre Beziehung?

Vivien steht noch immer gefesselt im Keller. Vor dem Dreh hat sie ihre blonden Haare künstlich verlängern lassen. Sie reichen ihr jetzt fast bis zur Hüfte. Inzwischen schlägt sie der Mann mit der Peitsche. Der Kameramann hält die Linse an die rote Haut, Abstand zwei Zentimeter. Der Assistent gähnt. Sechs Filme dreht „Inflagranti“ im Monat, sie sind die größte Pornoproduktion Berlins. Pornostar Janine La Teen hängt in einer Schaukel mit zwei Männern vereint. „Geil, geil“, stöhnt sie. Sonst ist es ziemlich still, das Knallen der Peitsche dringt durch die Stille. Und eine Art großes Schmatzen von neun schwitzigen Leibern, die sich aneinander reiben. Viele Männer sind mit sich selbst beschäftigt. Die Kameraleute und Regisseur Leischner warten auf das ultimative Bild: wenigstens einen Samenerguss. „Pause“, ruft Leischner dann. Die Blonde und der Mann mit der Igelfrisur binden Vivien los, sie steigt die Treppen hoch zur Bar. Oben gibt es ein Buffet: Kartoffel-, Nudelsalat, Würstchen. Vivien zieht eine Zigarette aus der Schachtel, sie isst nichts. Der Mann mit dem Igelhaarschnitt habe ihr nicht gefallen, sagt sie. „Ich hab’ einfach nicht hingeguckt.“ Das ist Viviens vierter Pornofilm. Vor zwei Monaten hätte sie sich noch nicht schlagen lassen. Sie schweigt. „Damals habe ich das noch nicht ausgelebt.“ Vielleicht will man irgendwann immer mehr, muss alle Grenzen niederreißen, um sich selbst zu spüren. Die totale Entgrenzung.

Vivien stellt sich zu einem Pärchen an die Theke. Britta und Daniel. Sie hat blonde Haare, trägt ein pinkfarbenes Oberteil und Brille, ihr Freund ist noch angekleidet, in seinem rechten Ohr steckt ein Ring. Sie trinken Sekt. Britta dreht an diesem Tag, Daniel schaut nur zu. Vivien fragt sie: „Habt ihr es euren Eltern gesagt?“ Britta: „Ja, klar!“ Vivien bestürzt: „Und?“ „Meine Mutter hatte wieder einen im Tee, sie fand’s okay.“ Vivien betrachtet sie unsicher, sie kann es nicht glauben. Männer können mit Pornofilmen angeben, Frauen sollen sich schämen. Bei „Inflagranti“ bewerben sich etwa 100 Männer im Monat, Frauen nur 20.

Der ältere, seriös wirkende Herr steht neben Vivien und hört zu. Er ist 50, Chirurg, trägt eine Unterhose, auf deren Rückseite der Stoff fehlt. Mehr als 100 Pornofilme liegen schon hinter ihm. Er war lange in Afrika, spricht Paschtu, hat den Koran studiert. Plötzlich beginnt er laut, Suren auf Arabisch zu rezitieren. Vivien betrachtet ihn ein wenig erschrocken von der Seite. Die Szene hat etwas Surreales, neun Halbnackte stehen in einem schmutzigen, dunklen, stinkenden Club, essen Würstchen, rauchen, und einer trägt aus dem Koran vor. Vivien wendet sich ab. „Bist du nicht eifersüchtig?“, fragt sie Daniel, dessen Freundin dreht. „Nein, ich gönne ihr den Spaß“, sagt der und kichert. „Hm“, macht Vivien. Das Handy einer Darstellerin klingelt. Sie nimmt ab: „Ja, Schatzi.“ Lautes Gelächter. „Sag ihm, du bist gerade beim Gruppensex“, ruft jemand. Vivien drückt ihre Zigarette aus.

Es geht weiter, die letzte Szene, der letzte Wunsch. Die Darsteller verschwinden in einem Hinterzimmer. Daniel bleibt an der Bar zurück. Die Würstchen sind alle. Die Barfrau liest ein Buch „Sextipps für Girls“. Nach einer Weile dringt lautes Stöhnen aus dem Raum. „Mann, wenn ich das höre, kriege ich Komplexe. Ich denke dann, ich mache alles falsch, bin zu leise oder zu laut im Bett oder muss akrobatische Übungen machen“, sagt die Barfrau. Daniel meint, seine Freundin sei immer sehr laut beim Sex. Der Produzent mischt sich ein. Er finde das überhaupt nicht anturnend. Die Barfrau stellt fest: „Pornografie ist Perversion.“ Daniel schaut irritiert, erwidert lieber nichts. Die Barfrau wird lauter: Alles sei so technisiert, so mechanisch, sagt sie. Das mache die Seele kaputt. Da bittet sie der Produzent, leise zu sein. Daniel geht kurz ins Hinterzimmer, seine Freundin Britta liegt auf einem Sofa, ein anderer Mann hat sein Gesicht in ihrem Schoss. Sie hält die Augen geschlossen, Daniel winkt ihr zu und verschwindet wieder.

Vivien hockt in der Mitte des Zimmers auf einer roten Matte, vor ihr kniet Janine La Teen, die Pornoqueen. Es geht darum, was man alles mit einer Faust machen kann. Die Pornoqueen erklärt es ihr. „Also Vivien lernt heute fürs Leben“, sagt Regisseur Leischner. Seit vier Jahren arbeitet er bei „Inflagranti“, erst als Produzent jetzt als Regisseur. Wie suchen sie die Frauen aus? „Das Aussehen ist gar nicht so wichtig. Wichtiger ist, dass man ihnen den Spaß ansieht, dass sie natürliche Sinnlichkeit haben.“ Bei Männern sei die „Standhaftigkeit“ entscheidend. Die meisten halten nicht durch. Leischner findet, dass Männer eigentlich den schwächeren Stand haben. „Sie wollen die Frauen herumkriegen, sie wirken notgeiler.“ Er selbst schaut keine Pornos mehr. Er weiß zu viel. „Die Illusion ist weg.“

Das vergangene Jahr war erfolgreich für „Inflagranti“. Besonders die S/M- und Fetisch-Filme liefen gut. Pornos seien insgesamt gesellschaftsfähiger geworden, sagt Leischner durch Sendungen wie „Wahre Liebe“ oder „Liebe Sünde“. Die gewünschten Praktiken werden extremer, über Aids redet niemand mehr, und die Filme haben kürzere Haltbarkeitsdauer. Die Kunden wollen ständig frische Frauenkörper sehen.

Porno ist wie Kapitalismus. Immer mehr, immer schneller, immer zügelloser. Nur das Sättigungsgefühl bleibt aus.

Wie viel Filme „Inflagranti“ verkauft, ist geheim. Über Zahlen redet man in der Branche nicht gern. Ein Film wie dieser im Kreuzberger Sexclub kostet einige Zehntausend Euro. Er wird an einem Tag abgedreht, kommt in zwei bis drei Monaten auf den Markt und kostet um die 50 Euro. Richtig reich werden wenige, die Hinterhof-Amateur-Filmer versauen die Preise. 350 Produktionsfirmen gibt es in Deutschland, davon arbeiten 20 bis 30 professionell.

Zurück in Viviens Wohnzimmer. Vivien ist in einer westdeutschen Kleinstadt aufgewachsen, der Vater arbeitet bei der Bahn, die Mutter bei Verdi. Über Sex wurde in der Familie geschwiegen. Ein Tag in Eintönigkeit folgte dem anderen, die Disko am Wochenende versprach ein wenig Aufregung. Vivien raucht. Sie wollte Hebamme werden, damals, sagt sie. Warum, weiß sie nicht, es sollte etwas „Soziales“ sein. Mit 14 hat sie das erste Mal mit einem Mann geschlafen. Es ist keine schöne Geschichte. Der Freund einer Freundin nach der Disko. Er hat seine sexuellen Fantasien ausgelebt, ohne zu merken, dass Vivien sie nicht mochte.

Vivien begann, exzessiv auszugehen, nahm Koks, Speed, Ecstasy zugleich, danach rauchte sie einen Joint zur Beruhigung. „Gesund war’s nicht“, sagt sie. Es klingt, als hätte sie nichts dagegen tun können, alles sei einfach so geschehen. Vivien handelt selten, ihr widerfährt. Mit ihrer Freundin fuhr sie voll gedröhnt nach Hannover ins „Harmony“, einen großen Technoclub. Sex war in diesem Zustand eine angenehme Beschäftigung, die nichts kostete. Sie sieht ihr Gegenüber nicht an beim Erzählen, jedes Wort kämpft sich über ihre Lippen. In dieser Zeit hat sie ihren ersten Porno gesehen. Und sie schläft mit Frauen und Männern. Vivien hat sich allen Reizen hingegeben, so lange, bis sie sich taub anfühlten. Was Spaß macht, ist möglich, wozu sich schützen? Wenn sie zu ihren Eltern heimkehrte, wollten die mit ihr reden. Die Lampe in der Küche hing tief und leuchtete genau in Viviens Pupillen. Sie konnte nur auf die Tischdecke starren. Sie bekam Konzentrationsschwächen, fürchtete sich in der U-Bahn, und eines Tages kippte ihre Freundin in der Disco einfach um. Das war das Ende. Vivien hörte auf, zog zurück in ihr Kinderzimmer und blieb dort bis zum Schulabschluss.

Heute studiert sie Sozialpädagogik. „Aber da passe ich nicht so hin. Die Leute tragen alle Birkenstock.“ Nachmittags jobbt sie in einem Jeansladen. Seit drei Jahren hat sie einen festen Freund. Ihr Leben droht wieder, im Alltag zu versinken. Nun führt Vivien ein Doppelleben. Morgens Max Weber, nachmittags steht sie an der Kasse im Laden und abends telefoniert sie mit Pornoproduzenten. Ihre Wangen glühen, während sie das erzählt. Porno als Ausweg aus der Eintönigkeit.

Nach dem ersten Pornodreh hatte sie „so einen Höhenflug“. Vivien im Rausch der Triebe. Sie sagt, es mache ihr Spaß. Anstrengend werde es erst nach einer Weile, wenn sie ewig in einer bestimmten Position verharren und trotzdem noch so tun müsse, als wäre es das Beste, was sie je erlebt habe. Sie gibt zu, dass es manchmal weh tut, wenn es zu lange dauert. Nach dem Drehen geht sie meist direkt einkaufen. Das Pornogeld bleibt nicht bei ihr. Es ist, als müsse sie sich etwas schenken. Dabei denkt sie an den nächsten Film. „Exhibitionistisch veranlagt muss man schon sein.“ Nur das Geld ist es nicht, was sie lockt, für einen Dreh bekommt sie zwischen 200 und 350 Euro.

„Das Verruchte“ ist das, was sie reizt. Das Geheimnis, das sie aus der Masse heraushebt, das sie nur mit einer Freundin und ihrem Freund teilt. Panik hat sie davor, dass ihr Vater etwas davon erfahren könnte. „Alter, dann wär’s vorbei“, sagt sie. Väter wollen ihre Töchter beschützen. Was ist, wenn er einen Film mit ihr sähe? Vivien mag sich das lieber nicht vorstellen. Vielleicht würde er denken, sie sei eine Hure. Vivien schüttelt den Kopf, heftig. Nein. Prostitution sei etwas ganz anderes. Pornos werden mit Kameras gefilmt, dadurch werde Sex öffentlich, eine Art Kunst. Es sei nicht so intim. „Aber es ist schon ein Geschäft“, sagt sie. Manchmal versuchen die Produktionen, die Preise zu drücken.

Ein Schlüssel klappert. Viviens Freund kommt nach Hause. Er hat kurze dunkle Haare, trägt ein Kapuzenshirt, setzt sich aufs andere Sofa. Die beiden sehen sich nicht an, schweigen. „Eigentlich unterstütze ich sie“, sagt er. „Ist auch ihr Ding“, fügt er hinzu und blickt ganz kurz zu ihr. Als sie ihm ihren ersten Pornofilm zeigte, sei das taktisch nicht so gut gewesen, sagt Vivien. Er hält sich jetzt ein bisschen zurück. Irgendwann hat er dann gefragt, ob sie wieder aufhören würde. Vivien lehnte ab, sie hatte noch gar nicht richtig angefangen. „Mit unserer Beziehung hat das nichts zu tun“, sagt sie. „Ist halt Sex“, sagt ihr Freund, seine Hand fällt auf seinen Schenkel. „Solange sich das auf die Drehzeit beschränkt.“

Vivien sagt, dass manche auch nach dem Drehen noch was miteinander hätten. „Das würde mir nicht so gefallen“, sagt er. Ist er eifersüchtig? Er sitzt ganz still. „Ich versuche, nicht so drüber nachzudenken“, sagt er. Vivien raucht. Er selbst würde nie einen Porno drehen. Sexuelle Neugier sei auch dabei, unterbricht ihn Vivien, man könne alles probieren, alles, was man mit dem Partner nicht mache. „Ich verkrafte das ganz gut“, sagt er und meidet ihren Blick. Seitdem sie drehe, habe sie eine noch innigere Beziehung zu ihm, sagt Vivien. „Ich bin so liebesbedürftig, wenn ich heimkomme.“ Die meisten Pornodarsteller hätten zu Hause nur noch Blümchensex. Ihr Freund verlässt das Zimmer. Lange könne sie sowieso nicht drehen, bis 35 höchstens, sagt sie leise. „Ich möchte auch nicht ganz darin versinken.“ Ihr Freund kehrt zurück, stellt sich ans Mischpult. Vivien begleitet den Gast zur Tür. Sie sagt die Dreierszene, die sie damals abgelehnt habe, würde sie jetzt machen. Sie dreht sich in Richtung Wohnzimmer. „Ich hab’ ein bisschen Angst, ihn zu verlieren. Aber der Reiz ist groß.“

Ein paar Wochen später sagt Vivien einen Dreh ab. Es gab Streit mit ihrem Freund, er ist dagegen. Sie schickt eine SMS: „Was nützt einem das ganze Geld, wenn man nicht geliebt wird.“

Zwei Monate darauf, im Kreuzberger Sexclub. Regisseur Leischner verteilt Preise für das größte Engagement. Vivien gewinnt den dritten Platz, ihr Auftritt im Keller wird belohnt. Der Regisseur überreicht ihr eine von der Barfrau kreierte Kombination aus Früchteresten des Buffets, Weintrauben, Bananen- und Apfelstücken. Vivien lächelt. Der Dreh ist zu Ende. Vivien bleibt noch im Hinterzimmer. Sie macht mit einem der Männer weiter, ohne Kamera.

Irgendwann steht Vivien an der Bar und raucht. Die Pornoqueen grinst: „Na, haste dich noch vernaschen lassen.“ Vivien sagt nichts. Sechs Stunden Pornodreh sind vergangen. Sie hat 250 Euro verdient. Ihre weißen halterlosen Strümpfe haben eine Laufmasche, der rosa BH ist leicht verrutscht, ihr langen blonden Haare sind durcheinander, ihre Worte verlangsamt, als erwache sie gerade aus langem Schlaf. Sie trinkt Cola, Sekt ist alle. An diesem Tag hat sie viele Grenzen niedergerissen, auch viele, die vor ein par Wochen noch sicher schienen. Einen Orgasmus hatte sie nicht. „Die Männer fand ich nicht so doll.“ Vivien ist immer auf der Suche nach der ultimativen Befriedigung, tief genug kann sie nie sein.

Die anderen Darsteller kleiden sich an, streifen Jeans über Boxershorts, Kostüme über Nylonstrümpfe. Bis vor sechs Stunden kannte Vivien niemanden von ihnen, jetzt verabschieden sie sich von ihr mit Küssen auf den Mund. Es sieht aus, als wollten sie Vivien am liebsten ihre Zungen in den Rachen schieben. Die Produktionsfirma wird Vivien nun öfter buchen. Sie geht ab. Eine Woche später dreht Vivien wieder. Ihr Freund hält jetzt still.

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