Zeitung Heute : Vivolo

Zarte Lammhüfte mit sanftem Auberginenpüree

Bernd Matthies

Vivolo, Am Zwirngraben 11–12 (S-Bahnhof Hackescher Markt), Mitte, Tel. 246 319 33, täglich 11–24 Uhr. Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Nun bewegt sich unsere Gastronomie ja doch langsam ein wenig in Richtung Spanien – typisch für Berlin, dass es sooo langsam geht. Denn die neue spanische Küche ist die innovativste der Welt, und Innovationen werden von Berliner Essern nur ungern genommen . Bislang gab es in der Stadt praktisch nur verkeimte Paella-Buden mit den üblichen Tapas plus Flamenco, eine Szenerie also, die im Zweifel eher auf der Ballermann-Seite lag – und außerdem das „Remake“ mit seiner an Ferran Adria orientierten Radikalküche; vor einem Monat hat in Mitte das „Pata Negra“ mit einer interessanten, etwas traditionelleren Karte aufgemacht.

Und es gibt, ganz unauffällig eröffnet, das „Vivolo“ unten im S-Bahnhof Hackescher Markt, von dem es heißt, es habe sich dort ein ehemaliger Ein-Stern-Koch aus dem Bergischen niedergelassen. Äh, langsam: Dies ist ein riesiges Ding auf zwei Etagen, das seinen Gästen am Freitag und Sonnabend mit Live-Flamenco droht, Paella in jeder Größe anbietet und mit seiner schummrigen Kerzenlichtatmosphäre alles andere als modern wirkt. Gesehen haben wir also praktisch nichts – geschmeckt hat es dennoch recht gut.

An den Tapas zum Einstieg führt natürlich kein Weg vorbei, denn die wirken ja unverändert zeitgemäß; die Amuse-Gueule-Menüs der Edelköche sind im Grunde nichts anderes. Das Aufgebot am langen Tresen sieht Vertrauen erweckend aus, wir ließen uns einen Vierer für sieben Euro kommen: Gemüsesalat, Lamm mit Möhren und Champignons, warmer Kartoffelsalat mit Oktopus, eingelegte Artischocken. Alles gut gewürzt mit viel obligatorischem Knoblauch, frei von jeglicher Innovation, aber durchaus genau das, was viele sich erhoffen, wenn sie sagen, hey, lass uns eine Kleinigkeit essen und ein Glas Wein trinken.

Anständige Weine gibt es hier ebenfalls, nicht viele, aber gute. Wir verstiegen uns zu einem der teuersten, dem ausgezeichneten 2001 Son Bordils Syrah aus Mallorca für 39 Euro, der allerdings (wie offenbar alle anderen Roten) viel zu warm serviert wurde und erst nach ein paar Minuten auf Eis damit aufhörte, seinen ganzen Alkohol separat in die Luft zu verpuffen.

Das richtige Essen gefiel uns zunehmend besser. Tunfisch-Carpaccio mit Limetten-Marinade und Salat – nun ja, wenn man es so überdünn auswalzt wie hier, dann kann es keinen Geschmack entwickeln, und der Salat hatte kaum einen Hauch Vinaigrette abbekommen (11 Euro). Das Doradenfilet in Gazpachosauce mit Gemüsewürfeln und Salat (12 Euro) zeigte schon eher die richtige Richtung, und dann folgte in Gestalt der kurz gebratenen Lammhüfte mit Kräuterkruste, Auberginen und Rosmarinsauce ein Gang, der das mit dem Sternekoch glaubhaft werden ließ. Für 15,50 Euro eine tolle Leistung, zartes Fleisch, genau ausbalanciert mit dem sanften Auberginenpüree, knackigen Gemüsewürfeln, den dezenten Kräutern und der kräftigen Sauce. Kaum weniger bemerkenswert war die „maurische“ Entenbrust mit Zimtkürbis und Thymiankartoffeln, einfache, würzige, handwerklich ausgereifte Küche mit Witz (15 Euro).

Ja, und dann setzen sie bei den Desserts überraschend sogar noch einen drauf. Für 7,50 Euro gibt es eine Kombination aus warmem Schokokuchen, sehr schön leicht-schaumiger Crema catalana und einem Orangenparfait, die mit karamellisierten Mandeln auch noch witzig abgerundet war – die Bestandteile dieses Tellers gibt es aber auch einzeln. Über den nicht übermäßig professionellen, aber freundlichen und aufgeschlossenen Service gibt es nichts zu meckern, und es bleibt als Fazit: So haben wir’s gern, avantgardistisch oder nicht.

Es bleibt jetzt nur diese lähmende Unsicherheit: Wird der Sternekoch bleiben – oder war er nur Entwicklungshelfer zum Start und überlässt den Laden alsbald seinem Schicksal? Es könnte sich lohnen, demnächst mal hinzugehen und die Gourmet-Fraktion im „Vivolo“ zu stärken. Was mich betrifft, schaue ich gern mal wieder rein, allerdings nicht am Freitag oder Sonnabend. Unüberwindliche Flamenco-Allergie . . .

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben