Vizepräsident der UdK im Interview : "Kunst und Musik dürfen nicht zu Randfächern werden"

Musik und Kunst schaffen einen "anderen Zugang zur Welt", meint Enno Granas, Vizepräsident der Universität der Künste in Berlin. Deshalb liegt ihm Ausbildung qualifizierter Lehrer besonders am Herzen.

Die „Bienenklasse“ der Reinfelder Grundschule.
Auf Schatzsuche. Die „Bienenklasse“ der Reinfelder Grundschule zeigte beim Musikfestival „crescendo“ eine Piratenshow - eingeübt...Foto: J. Bock

Herr Granas, warum sind Musik- und Kunstunterricht so wichtig? Weil die Kinder sich dabei von anderen Fächern erholen?
Dieser Ansatz ist immer noch weit verbreitet, aber falsch. Es geht nicht um „Erholung“, es geht um einen existenziellen, anderen Zugang zur Welt. Gerade Grundschulkinder haben nicht nur einen kognitiven Zugang, es ist ihr innerer Antrieb zu singen, zu malen, zu tanzen. Es ist falsch, diese Anteile zugunsten von ökonomisch schneller verwertbaren Fächern zurückzudrängen. Die allgemeinbildende Schule hat die wunderbare Chance und auch die Pflicht, Kindern und Jugendlichen die Möglichkeiten zu eröffnen, sich künstlerisch zu betätigen und ihnen die kulturelle Teilhabe zu ermöglichen.

Wie gut ist der Musik- und Kunstunterricht, den Berliner Schüler bekommen?
In Einzelfällen sicher hervorragend, in der Breite sieht es aber oft schlecht aus: Musik und Kunst finden in Randstunden statt, wenn viele müde sind, und der Unterricht fällt oft aus und wird nicht vertreten, wenn die Lehrkraft krank ist. Vor allem: Kunst und Musik werden viel zu oft von Lehrern unterrichtet, die gar nicht dafür ausgebildet sind.

Das heißt, ein Mathelehrer singt zwischendurch mal schnell mit den Kindern ein Lied?
Nein, nach meinen eigenen Erfahrungen aus langjähriger Lehrertätigkeit wird er wohl eher eine CD einlegen... Musik und Kunst kann nicht jede Lehrkraft mal eben so unterrichten, weil zu viele anspruchsvolle Spezialqualifikationen dafür benötigt werden. Schätzungen zufolge – offizielle Zahlen gibt es nicht – wird Kunst und Musik in Berlin aber zu 50 bis 70 Prozent fachfremd unterrichtet. Vermutlich stehen also für nur 30 Prozent des Unterrichts Fachlehrer zur Verfügung.

Die UdK bildet Musik- und Kunstlehrer aus und kritisiert die geplante Reform des Grundschullehrerstudiums. Bisher haben die Studenten zwei Hauptfächer: allgemeine Grundschulpädagogik und ein frei wählbares Fach. Künftig sollen sie drei Fächer studieren: Mathematik und Deutsch und ein drittes Fach, das sie frei wählen können, etwa Kunst oder Musik. Was ist daran so schlimm?
Eine solche Regelung würde bedeuten, dass unsere Lehramtsstudierenden etwa ein Drittel weniger Zeit für ihr Kunst- oder Musikstudium aufbringen können. Kunst und Musik würden auch für sie zum Randfach werden, statt wie bisher ein Kernfach zu sein. Das jetzige Modell hat sich bewährt: Die Studenten widmen sich intensiv der Bildenden Kunst oder der Musik, erwerben solide theoretische und fachpraktische Kenntnisse und durchlaufen eine eigene künstlerische Entwicklung. Vergessen Sie nicht: Künstlerische Entwicklungen benötigen andere – auch zeitliche – Bedingungen als ein Kompetenzaufbau in kognitiv orientierten Fächern.

Müssen denn Musik- oder Kunstlehrer selbst wie Musiker oder Künstler ausgebildet werden?
Es geht uns nicht darum, zukünftige Rembrandts oder potenzielle Solo-Geiger für die Philharmonie auszubilden. Aber wir wollen unsere Studierenden möglichst breit für ihre zukünftige Berufung befähigen, und aus unserer Sicht ist eine eigene künstlerische Entwicklung für die spätere Berufspraxis unabdingbar. Diese Qualität der Ausbildung sehe ich durch die geplante Neuregelung des Lehramtstudiums aufs Schärfste gefährdet.

Ein wichtiger Teil des Schulmusikstudiums ist die Gruppenleitung.
Ja, und auch das braucht Zeit! Musiklehrer in der Schule müssen Gruppen musikalisch leiten und begeistern können. Wir prüfen daher bei allen unseren Bewerbern für die Studienrichtung Schulmusik, ob sie ein Geschick für Gruppenleitung haben.

Was dabei herauskommen kann, haben gerade die Kinder der Reinfelder-Schule im Rahmen des Musikfestivals „crescendo“ der UdK gezeigt: ein musikalisches Piraten-Spektakel …
… das die UdK-Lehramtsstudierenden unter unserer Leitung mit den Kindern eingeübt haben. Es macht Mut, zu sehen, mit wie viel Begeisterung die Kinder hier bei der Sache sind. Die Klasse ist nach so einer Aufführung eine andere.

Das Gespräch führte Dorothee Nolte.

Enno Granas ist Professor für musikalische Gruppenarbeit am Institut für Musikpädagogik. Seit 2012 ist er außerdem Vizepräsident der UdK-Berlin.

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