Vodafone und die Revolution : „Stellt euch den Verrätern entgegen“

Karin Schädler

Ahmed L. traut seinen Ohren nicht. „Hör’ bitte endlich auf, das staatliche Fernsehen anzusehen“, geht er seine Mutter an. Sie hatte sich empfänglich gezeigt für die Propaganda-Nachrichten des ägyptischen Regimes. Seit Präsident Hosni Mubarak in einer höchst emotionalen Rede angekündigt hat, bei den nächsten Wahlen im September nicht mehr zu kandidieren, macht sich das Regime die Unsicherheit der Bürger zunutze. Propaganda und Verschwörungstheorien kommen verstärkt im Staatsfernsehen vor – doch nun werden sie auch mit Hilfe von Vodafone per SMS verschickt. Der Tenor: Die Demonstranten seien gewalttätig. Man müsse doch Mitleid haben mit dem alten „Vater“ Mubarak, der immer treu für sein Land gesorgt habe. Zudem sei der Aufstand von „ausländischen Agenten“ angezettelt und von „ausländischen Medien“, vor allem Al Dschasira, befeuert worden.

Ahmed L. – der seinen wahren Namen nicht nennen will – hat tagelang auf dem Tahrir-Platz demonstriert, jetzt sitzt der 22-Jährige murrend zu Hause, weil seine Mutter Angst um ihn hat. Deprimiert liest er auf Facebook, wie einige Freunde und Verwandte umschwenken. Vodafone-Kunden in Ägypten bekommen nun SMS-Nachrichten, die zwar geheimnisvoll klingen, bei denen aber jeder Ägypter weiß, was gemeint ist: „Ägyptens ehrliche und loyale Männer: Stellt euch den Verrätern und Kriminellen entgegen und schützt unser Volk“, lautet eine. „Jugend von Ägypten, hütet euch vor Gerüchten und hört auf die Stimme der Vernunft“, eine andere. In einem Fernsehbericht hieß es, Augenzeugen hätten afghanische „Agenten“ unter den Demonstranten entdeckt. In einer anderen Sendung wurde nahegelegt, Israelis und Amerikaner hätten die Demonstranten aufgehetzt. Ahmed, der wie die meisten jungen Unterstützer der Revolution sehr gut über die politische Lage informiert ist, kann es nicht fassen, dass manche solch „unlogischen“ Meldungen glauben. „Sie sind doch gebildete Leute.“ Doch welche Nachrichten verlässlich sind und welche nicht, ist in einem System ohne Pressefreiheit für viele sehr schwer abzuwägen.

Vodafone, das die SMS der Regierung wie die anderen Anbieter verbreitete, hält es für „inakzeptabel“, das die ägyptische Regierung so etwas von ihnen verlangt. Als Grund für den SMS-Versand gibt das Unternehmen jedoch lediglich an, man müsse sich an die gesetzlichen Vorgaben halten. Unter der Hand entschuldigt man sich in Konzernkreisen, man sei schließlich nicht der einzige westliche Versender von Regierungs-SMS in Ägypten: der ägyptische Mobilfunkbetreiber Mobinil sei immerhin eine hundertprozentige Tochter von France Télécom. Karin Schädler

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