Zeitung Heute : Vogelfrei im bunten Käfig

Mehr als eine Routinereise: Joschka Fischer besucht Kabul

Hans Monath[Kabul]

Es war ein Alarm zur Unzeit. Fünf Explosionen schreckten die Soldaten der Internationalen Schutztruppe (Isaf) auf. Und das nur wenige Stunden, bevor die Maschine von Außenminister Joschka Fischer am Dienstagmorgen in Kabul landete. Von „Angriffen mit Raketen“ spricht Kommandeur Manfred Schlenker am nächsten Tag. Woher die Raketen kamen, wer sie abgefeuert hat, das weiß noch niemand. Deshalb kann der Brigadegeneral an diesem diesigen Herbsttag nur darüber spekulieren, wer da erschrecken oder töten wollte: „Al Qaida, Taliban oder Hekmatyar.“ Also Reste von Osama bin Ladens Terrorgruppe, die vertriebenen Herrscher des Landes oder ein schiitisch-fundamentalistischer Milizenführer, der aus dem Untergrund gegen die neue Ordnung arbeitet.

Trotz dieses Vorfalls hat Schlenker gute Nachrichten parat: Die Sicherheitslage in Kabul habe sich „gut entwickelt“, sagt der General. Die deutschen Soldaten, die ja das größte Kontingent der Schutztruppe bilden, seien beliebt. „Die Bevölkerung ist sehr dankbar, dass wir da sind.“ Doch das Wort „sicher“ ist offenbar kein sehr belastbarer Begriff in Kabul, wie die vielen Straßensperren, die Sandwälle, die Slalombarrieren und die Stacheldrahtverhaue vor den Camps der Isaf und westlichen Botschaften beweisen.

Auch Joschka Fischer wird bei seinem eintägigen Besuch in Kabul auf Schritt und Tritt bewacht wie bei kaum einer Reise zuvor. Vor dem Amtssitz des Übergangspräsidenten Hamid Karsai wachen ganze Scharen von Sicherheitsbeamten: Da sind die stämmigen Amerikaner mit den Ausweisen der „US-Security-Force“, die Afghanen und schließlich auch die Deutschen, die Schutzwesten tragen und mit Maschinenpistolen bewaffnet sind. Dennoch sind auf Karsai, dessen Macht im Land eng begrenzt ist, in den vergangenen Monaten mehrere Attentate verübt worden. Seither traut er nur noch den US-Sicherheitsleuten, die mit ihren Maschinenwaffen und verspiegelten Sonnenbrillen reichlich abschreckend aussehen.

Joschka Fischer ist durchaus anzumerken, dass sein erster Besuch in Afghanistan für ihn keine Routinereise darstellt. Beim Anflug in der Transall der Bundeswehr, einem behäbigen, alten Propellerflugzeug, das kaum Fenster hat, setzt sich der Minister ins Cockpit, um die Gipfel des Hindukusch zu sehen. Später spricht er davon, wie beeindruckt er von dem Besuch in dem Land sei, das ihn politisch schon lange beschäftigt: „Die Aktenlage zu sehen ist das eine, das andere, ein Land riechen, hören, schmecken und im Zusammenhang erleben zu können.“

Aber das Interesse an Afghanistan ist ja nicht etwa eine persönliche Marotte Fischers. In der politischen Strategie des Außenministers kommt dem Land eine zentrale Bedeutung zu. Die Stabilisierung und der Wiederaufbau des von 23 Jahren Krieg zerstörten Landes sind für Fischer ein wichtiger Beitrag im Kampf gegen den Terror – regionale Stabilität und „nation building“ heißen die diplomatischen Fachtermini, die er im Bundestag oft benutzt hat und auch auf dieser Reise wiederholt: Wer Verantwortung übernimmt, bleibt lange gebunden und muss sich auch um den zivilen und politischen Aufbau bemühen, wenn nicht alles umsonst bleiben soll.

Was die US-Regierung dem Irak gegenwärtig androht, ist das Gegenteil von Fischers Strategie. Zwar will auch US-Präsident Bushs Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice eine Destabilisierung Afghanistans vermeiden und auch keine US-Truppen abziehen, wie Friedbert Pflüger auf dem Flug nach Afghanistan berichtet. Der außenpolitische Experte der CDU-Fraktion gehört zu der Delegation von Bundestagsabgeordneten, die Fischer begleitet, und hat kürzlich in Prag mit Rice gesprochen. Trotzdem treibt Fischer die Furcht um, dass sich bald die ganze Welt auf den Irak-Konflikt konzentriert und Afghanistan mit seinen ungelösten Problemen allein dasteht. Über den Irak sei gar nicht gesprochen worden, sagt Karsai nach dem Treffen mit Fischer. Aber der deutsche Außenminister weiß, dass der Chef der Übergangsregierung und die Vereinten Nationen seine Befürchtung teilen. Auch deshalb hat er für kommenden Montag eine Nachfolgekonferenz auf dem Petersberg bei Bonn einberufen, zu der er Karsai in Kabul persönlich einlud. Ziel der Konferenz sei es, sagt Fischer, „dass Afghanistan angesichts anderer Krisen nicht in Vergessenheit gerät“.

„Afghanistan vertraut Deutschland mit geschlossenen Augen“, sagt Karsai seinen Gästen. Und ganz konkrete Erwartungen hat er auch, wenn Deutschland demnächst gemeinsam mit den Niederländern die Führung der Schutztruppe übernimmt. Gewöhnlich ist eine solche Führungsaufgabe nach einem halben Jahr beendet. Doch Karsai fordert vor den Kameras, die Deutschen sollten sich weit darüber hinaus engagieren „nicht nur ein halbes Jahr oder ein Jahr“.

Auch der greise König Mohammad Zahir Schah lobt die Beziehungen beider Länder. Während der 88-Jährige mit Fischer konferiert, zeigt der Chef seines Hofstaats den Journalisten die königliche Residenz. Hayadatullah Dayani spricht hervorragend deutsch, er hat in Marburg studiert und bei Frankfurt gelebt. Nun erläutert er einen Wandteppich, den 1968 der französische Präsident Charles de Gaulle als Gastgeschenk mitbrachte. Eine Mandoline und ein bunter Käfig voller Vögel sind darauf zu sehen. Seltsame schwarze Schlieren ziehen sich über die Köpfe und Krallen: Die Taliban hatten die wertvollen Kunstwerke während ihrer Herrschaft grob übermalt, weil die Darstellung in ihren Augen gegen religiöse Gebote verstieß. Stolz erzählt Dayani, dass alle Bilder wieder freigelegt wurden. Die Spuren der Farbe haben die Restauratoren aber nicht ganz entfernen können.

Unter den Erklärungen Dayanis werden die Bilder des Teppichs plötzlich zu einer symbolischen Erzählung über den Neuanfang in Afghanistan und die Freiheit. „Obwohl die Tür auf ist, bleiben einige Vögel drin“, sagt Dayani. Irgendwo lodert auch noch ein Feuer, dem die Tiere ausweichen müssen – auch das Neue ist gefährlich.

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