Zeitung Heute : Volk unter Waffen

Auf den Straßen Ranguns ist es still geworden – in Birmas Osten dagegen nicht. Hier entscheidet sich gerade ein Bürgerkrieg

Moritz Kleine-Brockhoff[Papun Jakarta]

Es geht immer weiter. 78 Festnahmen am Samstag, „Anstifter“ allesamt, so steht es am Tag darauf in der Zeitung „New Light of Myanmar“. Es ist eine Staatszeitung und die Zahl kaum nachprüfbar, genauso wenig wie die Zahl aller bisher Inhaftierten, 2700 sollen es laut „New Light of Myanmar“ sein, 533 davon Mönche. Dissidenten sind überzeugt davon, dass es mehr sind. Sie berichteten von menschenleeren Klöstern, von nächtlichen Razzien, von eigens errichteten Internierungslagern. In den letzten Tagen indes berichten sie kaum noch etwas, sie gehen nicht mehr ans Telefon. Vielleicht aus Angst, die Telefone werden abgehört. Vielleicht aber sind auch sie nicht mehr da.

Es war nie einfach, etwas darüber zu erfahren, wie Birmas Militärregierung ihre Macht erhält, wie sie mit ihren politischen Gegnern umgeht oder mit ethnischen Minderheiten. Aber wenn ein Reporter – in der Zeit vor den Massenprotesten der letzten Wochen – kein Arbeitsvisum bekam, dann besorgte er sich eben eines für Touristen – oder er fuhr einfach ohne all das los, von Thailand über die wenig gesicherte Grenze, in den Dschungel, und wenn er dort lange genug unterwegs war, fand er stets jemanden, der etwas zu erzählen hatte. Davon handelt diese Geschichte.

„In der Nähe fielen Schüsse. Wir wussten, dass die Regimesoldaten unseren Kämpfern überlegen waren. Da packten wir schnell das Nötigste zusammen und rannten los. Wir hörten noch das Knistern der Flammen. Die Soldaten brannten unser Dorf nieder.“ Das sagt Porto, der Älteste im Dorf Khoe Kay, der Mann, der von allen am müdesten ist. Porto hat kaum noch Zähne. Seine Lider hängen schlapp über den Augen. Er spricht langsam, es strengt ihn an. „Seit diesem Tag, 1995 war das, seit diesem Tag sind wir auf der Flucht. Niemand will uns, niemand lässt uns in Ruhe. Dabei leben wir doch seit Jahrhunderten hier. Es ist doch unser Land.“

Der Himmel ist hellblau und wolkenlos. Die Sonne knallt auf Papun, auf den Distrikt im Osten Birmas, in dem seit knapp 60 Jahren Krieg herrscht. Das Dorf Khoe Kay liegt im Papun-Distrikt, und der ist Teil des Karen-Staats. Die Karen, ein Bergvolk, sind nach den Birmanen die größte ethnische Gruppe in Birma. Wenn die Junta vom Karen-Staat spricht, dann meint sie einen Teil ihrer in den einstigen britischen Kolonialgrenzen entstandenen „Union Myanmar“, ihre Soldaten halten die Vielvölkerunion mit Gewalt zusammen. Wenn bewaffnete Kämpfer der Karen National Union, der KNU, vom Karen-Staat sprechen, dann träumen sie von einem unabhängigen Staat für ihre Volksgruppe. Und wenn Porto spricht, der alte, müde Mann, dann spricht er einfach nur von seiner Heimat. Von weichen Hügeln, Wäldern und Reisfeldern, von all dem, was auf beiden Seiten des mächtigen Salween-Flusses liegt.

Der Strom lieg da unten, ein paar hundert Meter von Portos Hütte entfernt. Hellbraun und lautlos markiert der Salween die Grenze zwischen Birma und Thailand. „Warum gibt es diese Staaten? Und warum wollen beide uns nicht?“, fragt Porto. „Es ist eine von Gott geschaffene Welt. Tiere dürfen hingehen, wohin sie wollen. Wir nicht. Auf der einen Flussseite nennen uns die Thais ,illegal‘, auf der anderen Seite schießen die Birmanen auf uns. Sind wir niederer als Tiere?“

Menschenrechtler schätzen, dass im Osten Birmas in den vergangenen elf Jahren 3000 Dörfer zerstört und 500 000 Menschen vertrieben wurden. Die Junta wolle die Versorgung der KNU-Rebellen durch Zivilisten unterbinden. Satellitenbilder zeigen verbrannte Erde. Birmas Informationsministerium weist solche Vorwürfe zurück: „Es gibt keine Politik, Dörfer abzubrennen, Zivilisten zu töten oder andere Grausamkeiten zu begehen.“ Die US Campaign for Burma und andere Organisationen berichten dagegen von Folter, Zwangsarbeit und Exekutionen. Und davon, dass Birmas Armee Vergewaltigungen als Kriegswaffe einsetze.

Die Menschen, die 1995 zusammen mit Porto ihr Dorf verloren, leben derzeit an einem Steilhang am Salween-Fluss. Auf der birmanischen Seite. Sie haben Löcher in den harten Lehmboden gehackt und Holzstämme hineingesteckt. Auf den Stelzen bauten sie 32 Hütten aus Bambus, die Dächer sind aus getrockneten Blättern. Sie sind arm, überleben von ein wenig Landwirtschaft, Vieh und Waldfrüchten. So wie fast alle Karen. Unter einer Hütte schlafen zwei Schweine im Schatten. Ein abgemagerter Hund streunt umher, Hühner gackern, ansonsten ist es still. Lechri, ein junger Mann mit rundem Gesicht, lädt in seine Hütte ein.

Keine Möbel, nur Kochgeschirr und ein Haufen Decken für die kühle Bergland-Nacht. „Es ist nicht leicht zu überleben“, sagt Lechri, „immer wenn wir gerade Felder anlegt hatten, überfielen die Soldaten uns wieder. Sie kommen, um sich Arbeitskräfte zu holen. Wer nicht schnell genug flüchtet, wird Sklave und muss Straßen bauen.“ Birmas Militär erschließt langsam, aber sicher eine Gegend, die einst ziemlich unwegsam und damit günstig für ortskundige Rebellen war. Nun rollen über neue Straßen Lkw: Neue Truppen kommen und errichten neue Militärstützpunkte. Und über die neuen Straßen rollt auch Material für den Bau von Dämmen, die den Salween-Fluss zur Stromerzeugung stauen sollen. Auch die werden von gefangenen Karen gebaut, sagt Lechri.

Als er und die anderen Dorfbewohner zum ersten Mal vertrieben wurden, flüchteten sie über den Fluss nach Thailand. Aber thailändische Soldaten schickten sie zurück nach Birma. Dort bauten sie, knapp 100 Familien, eine Fußstunde vom Ufer entfernt ein neues Dorf. „2002 kamen Junta-Soldaten und brannten wieder alles nieder. Wir bauten an einer anderen Stelle neu“, erzählt Lechri. „2003 kamen schon wieder Soldaten und brannten wieder alles nieder. Da gingen wir zurück zum Fluss.“ Seitdem hat sie niemand mehr überfallen.

Direkt am Flussufer wird seit Jahren nur noch selten geschossen – früher waren birmanische Soldaten öfter hierhin vorgestoßen, und manchmal griffen sie sogar Flüchtlingslager auf der thailändischen Seite an. Die Regierung in Bangkok will eine ruhige Grenze, sie scheint die befreundete Junta in Birma davon überzeugt zu haben. Das bislang letzte Gefecht – es fand Ende September statt – haben wohl die KNU-Rebellen zu verantworten. Bei einer Schießerei mit der Armee starben drei Soldaten.

Anfang September wurde am Salween-Fluss ebenfalls geschossen, auch – laut birmanischer Regime-Presse – von der KNU. „Terroristische KNU-Separatisten begehen eine Serie von Grausamkeiten, um die Stabilität des Staates zu gefährden“, berichtete „New Light of Myanmar“. „Eine KNU-Gruppe feuerte auf 13 Thailänder, die am Hatkyi-Wasserkraftprojekt arbeiten. Ein Thailänder wurde getötet.“ Die thailändische Staatsfirma, die den Damm mit baut, bestätigte die Schüsse und den Toten. Die KNU, genauer gesagt ihr militärischer Arm, die Nationale Karen-Befreiungsarmee, bekämpft alles, was den Karen ihrer Ansicht nach schadet – in erster Linie die birmanische Regierung, hier am Salween-Fluss aber auch den Bau von Staudämmen.

„Die Dämme zerstören unser Land“, sagt ein Mann, der sich nicht entscheiden kann, ob er sich nun als KNU-Sympathisant oder als Kämpfer bezeichnen will. „Die Elektrizität, die mit unserem Wasser erzeugt werden wird, wird nach Thailand und in die Metropolen Birmas gehen, während wir Karen gar nichts davon haben.“ Und dann erzählt er von den Problemen, die die Karen-Armee hat.

„Früher hatten wir 200 000 Mann unter Waffen, jetzt sind es nur noch 20 000. Früher war der ganze Distrikt Papun fest in unserer Hand, heute kontrollieren wir nur noch ein Drittel. Den Rest hat Birmas Regierung erobert.“

Die KNU musste seit Mitte der 90er Jahre viele Rückschläge hinnehmen. Manche Karen sind Buddhisten, manche Christen. 1994 zerbrach die Rebellenbewegung entlang dieser Linie. Viele Buddhisten gründeten eine eigene Truppe, und die verbündete sich schließlich mit der Junta. Gemeinsam überrannte die Allianz das KNU-Hauptquartier in der Stadt Manerplaw. Später trat KNU-Führer Bo Mya, ein Christ, zurück. Und dann starb er. Nach weiteren Abspaltungen gibt es mittlerweile KNU-Rebellen – zum Beispiel die 7. Brigade von General Htein Maung –, von denen niemand mehr so recht weiß, wo sie denn gerade stehen. „Es ist ein Trauerspiel. Nach fast 60 Jahren heroischem Widerstand haben wir Karen keine einheitliche Militärtruppe mehr, die unser Volk schützen könnte. Wir sind der Junta ausgeliefert“, sagt der KNU-Mann frustriert.

Spätnachmittag am Salween-Fluss: Die Sonne ist hinter einem Berghang verschwunden. Unten, am Wasser, wird es sofort kühl. Ein langes, schmales Boot legt vom sandigen Ufer ab, der Dieselmotor tuckert laut in der Vorabendstille. Auf der anderen Flussseite, in Thailand, dösen Soldaten auf Flößen am Ufer. Zwischen Bambuspfosten baumeln Hängematten. Ein Soldat notiert gelangweilt, dass ein Boot unterwegs ist.

Ernste Grenzkontrollen gibt es nicht. Wie auch? Die meisten Karen, sechs bis sieben Millionen Menschen, haben keine Papiere. Fünf Millionen von ihnen leben in Birma. Auch wenn die Junta im Karen- Staat militärisch die Oberhand hat, von flächendeckender Verwaltung samt Meldewesen kann keine Rede sein. Mehr als eine Million Karen leben in Nordthailand.

Bangkok gibt Alteingesessenen einen Ausweis, auf dem steht, dass sie Angehörige eines Bergvolkes, also „Hochland-Bewohner“ seien. Das schützt vor Vertreibung, volle Bürgerrechte bringt es nicht. Eine weitere Million Karen sind auf der Flucht oder als Wanderarbeiter unterwegs. Im Grenzgebiet leben 150 000 als registrierte Flüchtlinge in Lagern, manche seit zehn Jahren. Andere Karen leben auf Hausbooten auf dem Salween-Fluss. Sie machen, je nach Gefahrenlage, am birmanischen oder am thailändischen Ufer fest. Ampon, ein kräftiger Mann mit Kraushaar, lebt auf so einem Hausboot. „Ist am sichersten“, sagt er knapp. An diesem Abend hat er in Thailand angelegt, vor dem Karen-Dorf Mea Due. „Wir sind in Birma eine Minderheit, wir sind in Thailand eine Minderheit. Und wir sind auf beiden Seiten machtlos“, sagt Ampon.

Im Dorf Mea Due haben zwei der 100 Einwohner einen Ausweis als „Hochland-Bewohner“. Warum zwei Männer das Dokument bekamen und alle anderen nicht, weiß niemand so recht. „Wir kamen vor zehn Jahren über den Fluss, weil die Junta-Soldaten in unserer Gegend so heftig wüteten“, sagt der Dorfchef Nu Chamnarn Kiriprai leise. „Auch wenn die thailändische Regierung uns nicht anerkennt, wenigstens dulden uns die thailändischen Soldaten hier. Damit muss man heute schon zufrieden sein.“

Kiriprai hockt im Schneidersitz auf einer Bastmatte in seiner Hütte, vor ihm steht ein Glas mit dampfendem Tee. „Nun warten wir auf den Tag, an dem wir zurückkönnen, unser altes Dorf wieder aufbauen, unsere Felder bestellen. Ich werde das wohl nicht mehr erleben.“ Sechs Männer sitzen neben ihm. Eine dünne Kerze steht auf einer Untertasse, ihre Flamme flackert unruhig. Draußen liegt längst schwarz und still die Nacht. Alle Männer rauchen. Alle schweigen. Sie sind ratlos.

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