Zeitung Heute : Volkes Echo

Unauffällig, bieder, aber schlagfertig: Christoph Blocher, Anführer der Schweizer Rechtskonservativen, steht vor seinem größten Triumph

Jan Dirk Herbermann

Um 11 Uhr heißt es „Antreten“ zur „allgemeinen Mobilmachung“ im „Alpenrock House“ – einer etwas gammeligen Diskothek am Flughafen Zürich-Kloten, Entlassung ist um 14 Uhr. Die Führer der rechtskonservativen Schweizerischen Volkspartei haben getrommelt – im militärischen Jargon, und über 300 Parteisoldaten aus dem ganzen Land sammeln sich. Kurz vor den Eidgenössischen Wahlen am Sonntag sollten noch einmal alle ihr Fett wegbekommen: das Ausland und die Ausländer, die Linken und die Lumpen. Das alles bei Bier und Wein. Die Stimmung im Saal ist sehr gut. Bravorufe und Gelächter. Dann kommt er – Doktor Christoph Blocher. Der Anführer der Rechten rudert mit den Armen, schiebt den grauen Kopf nach oben, grinst. Seine Rede ist kurz und schmerzlos: Unsere Schweiz zuerst.

Mit dieser Parole findet der Pfarrerssohn bei immer mehr Schweizern Gehör. Während Österreichs und Italiens Rechte interne Kämpfen austragen, wird die SVP laut Umfragen jetzt das beste Ergebnis ihrer Geschichte einfahren und alle Parteien überflügeln. Zampano Blocher garantiert den Erfolg. Mit den ausgebeulten Anzügen, dem schweren Gang, den roten Backen des Berglers und der unmodischen Brille verkörpert der 63-Jährige den Durchschnitts-Deutschschweizer: unauffällig, etwas bieder, aber hellwach. Nicht nur seine Anhänger sagen ihm nahezu magische Fähigkeiten nach. „Sie waren benommen von der Kraft, der Sicherheit und der Wahrheit der Rede“, erinnert sich der Psychologe Andreas Iten an die Reaktionen der Zuschauer nach einem Auftritt von Blocher. „Es war fast unheimlich, wie diese Rede wirkte.“ Schlagfertig, mit brachialem Humor, hemdsärmelig und mit Gefühl entführt Blocher seine Zuhörer in eine klar geregelte Welt: Freund und Feind. Oben und unten. Rechts und Links.

Beispiel Schweizer Neutralität: Ein Trottel oder „ein Österreicher sei der, der seine Neutralität aufgibt“. Beispiel Asylbewerber. „Mehr als die Hälfte aller Straftaten in unserem Land wird von Ausländern verübt. Wir alle leiden unter der Verhätschelung von gewalttätigen Verbrechern und schamlosen Asylanten.“ Blochers Partei will die „Schmarotzer“ härter anfassen. Eifrige SVPler planen sogar, die Fremden in bewachten Sammelunterkünfte einzupferchen – so lange, bis sie „ausgeschafft“ werden. Garniert wird all dies mit einer groben Prise Neoliberalimus: Weniger Steuern, weniger Staat, mehr Flexibilität. Und jetzt, in der Schweizer Rezession, mit immer mehr Arbeitslosen und einer Rekordzahl an Firmenpleiten, flüchten viele zu Blocher, dem starken Mann. Die Strategie, konsequent Verdrussthemen zu beackern, zahle sich jetzt aus, sagt Wahlforscher Claude Longchamp. Die SVP wachse „sogar in der Mitte“.

Doch Blocher fischte auch schon in trüben Gewässern. Ein Zürcher Gericht schrieb in einem Urteil, Blocher habe in einer Rede „in hemmungsloser Weise antisemitische Instinkte mobilisiert und das Klischee vom geldgierigen Juden“ strapaziert. Und es kam heraus, dass Blocher in einem Brief das Pamphlet eines Holocaustleugners gepriesen hatte: „Wie Recht er doch hat.“ Selbst die zurückhaltende Neue Zürcher Zeitung erteilte dem Ertappten einen Tadel: „Der Volkstribun vom Zürichsee ist zwar weder Antisemit noch Neofaschist. Aber er grenzt sich öffentlich zu wenig, und vor allem zu wenig markant, von jenem Sumpf ab.“ Doch gerade das Brechen von Tabus, die Eskapaden, das Spiel mit dem Feuer, das alles wollen die Fans von ihrem Meister sehen. Und genau das bietet Blocher, seitdem er 1977 groß in die Politik einstiegen ist, in seinem Sog gewann auch seine Partei immer mehr Bewunderer und Sympathisanten. Als Blocher mal wieder gegen Europa wetterte und sich damit ins Kreuzfeuer der Kritik begab, trugen die Briefträger stapelweise Lobesbriefe und Geschenke in seine Villa: „Sie können sich nicht vorstellen, wie viele handgestrickte Socken wir bekommen haben“, erzählt Silvia, seine Gattin, noch heute. All die Huldigungen hinterlassen Spuren. Vor Selbstbewusstsein strotzend verkündet Blocher: „Bald habe ich keine namhaften Gegner mehr.“ Er hat wohl Recht. Weder im Parlament noch in der Regierung ist ihm ein veritabler Herausforderer entgegengetreten.

Doch was will Blocher eigentlich? Zwar dominiert er als SVP-Chef des größten Kantons Zürich die gesamte Volkspartei. Aber in Bern ist er nur einfacher Abgeordneter. Will er an den Kabinettstisch? Das mühselige Tagesgeschäft im Kabinett überlässt er bisher lieber anderen. Denn das Kabinett, der Bundesrat, hat im System der Schweiz weniger zu melden als die Regierung in Berlin. Große Entscheidungen werden in der direkten Demokratie vom Volk getroffen. Für Blocher ist es einfacher, über die in Bern zu lästern, als Verantwortung zu übernehmen. Nur hat er auch sein eigenes Haus nicht bestellt. Bald im Pensionsalter hat er alle innerparteilichen Rivalen gefügig gemacht. Politikwissenschaftler wie Iwan Rickenbacher aus Bern sehen deshalb schon bald den Stern der Rechten verglühen: „Wenn Christoph Blocher als Leitfigur und großer Sponsor zurücktritt, wird das nicht so leicht zu kompensieren sein.“

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