Zeitung Heute : Voll der Rausch

Andrea Dernbach[Hannes Heine] Rainer Woratschk

Der Alkoholmissbrauch unter Jugendlichen hat dramatisch zugenommen. Warum trinken junge Leute so viel?


Die soziale Akzeptanz von Alkoholkonsum ist unter Jugendlichen in den vergangenen Jahren ständig gestiegen. Während 1990 noch 27 Prozent der Zwölf- bis 24-Jährigen die Aussage teilten, zu einer gelungenen Fete gehöre immer auch Alkohol, waren es vor einem Jahr bereits 42 Prozent. Das jedenfalls geht aus der jüngsten Jugendgesundheitsstudie des bayerischen Sozialministeriums hervor. Knapp 40 Prozent stimmten darin der Bemerkung zu, dass jeder einmal die Erfahrung gemacht haben sollte, betrunken gewesen zu sein.

Tatsächlich konsumieren mehr als 80 Prozent der Jugendlichen regelmäßig Alkohol. Umfragen zufolge hat jeder zweite 14-Jährige schon einen Vollrausch erlebt. Jugendpsychiater gehen davon aus, dass zehn Prozent der 16-Jährigen regelmäßig zu viel Alkohol trinken, schätzungsweise vier Prozent dieser Altersgruppe werden sogar als alkoholabhängig bezeichnet. Seit 1990 hat sich nach Auskunft von Sozialwissenschaftlern die Zahl der Jugendlichen zwischen 15 und 19 Jahren, die wegen einer akuten Alkoholvergiftung in einem Krankenhaus behandelt werden, mehr als verdreifacht. Während statistisch betrachtet 37 Prozent der Jugendlichen noch nie einen Alkoholrausch hatten, erlebten 61 Prozent ihren ersten Vollrausch mit 14,9 Jahren.

Oliver Bilke, Kinder- und Jugendpsychiater des Berliner Krankenhauskonzerns Vivantes, beobachtet sogar unter Kindern einen steigenden Alkoholkonsum. In Berlin gebe es immer mehr achtjährige Jungen, die regelmäßig Spirituosen trinken würden. Bilke behandelt unter anderem Zwölfjährige wegen Alkoholabhängigkeit. „Das Phänomen ist in allen Schichten und Milieus zu finden“, sagt er. Problematisch sei vor allem, dass Eltern vielerorts eine wenig kritische Haltung zu Alkoholkonsum hätten. Hans-Jürgen Gass von Ginko, der nordrhein-westfälischen Landeskoordinationsstelle für Suchtprophylaxe, teilt diese Beobachtung: „Für den Alkohol stimmt nicht mehr, dass er die die Droge der sozial schwierigen Gruppen ist, er ist sogar eher für Kinder aus gut situierten Elternhäusern üblich.“

Zu diesem Befund passt, dass Jugendliche nicht zwangsläufig aus Frustration so viel trinken. Nach Erkenntnissen der bayerischen Untersuchung ist es eher so, dass Alkohol beim Ausgehen und beim Zusammensein mit Freunden eine wichtigere Rolle als früher spielt. Vielfach sei die Konfirmation der „Initiationsritus“ in Sachen Alkohol, sagt Jost Leune, Geschäftsführer des Fachverbands Drogen und Rauschmittel in Hannover. Vor allem wird Alkoholkonsum von Jugendlichen inzwischen weitaus stärker akzeptiert als zum Beispiel Rauchen. Die Ansicht, Alkohol schade auch in kleinen Mengen, teilt nur eine Minderheit der in der Studie befragten Jugendlichen.

Eine weitere Ursache für Besäufnisse junger Teenager sieht der Bielefelder Jugendforscher Klaus Hurrelmann in einer Vorverlagerung der Jugendphase, 14-Jährige seien heute insgesamt schon sehr viel reifer als vor 30 Jahren. Damit würden aber auch die Erwartungen steigen: „Jugendliche werden den Anforderungen heute nur schwer gerecht, sie wollen durch die Flucht in den Rausch dem Alltag entfliehen“, sagt er. Gegenarbeiten könne man nur, indem man Jugendlichen Perspektiven biete, etwas, womit sie sich identifizieren könnten. Stattdessen würden sie als störende Gruppe aber in Ghettos ausquartiert.

„Wir müssen endlich kapieren, dass die Jugend unsere Zukunft ist“, sagt Jost Leune. „Wir brauchen Schulen, in denen sich das Lernen lohnt und Kommunen, die weniger in Spielmannszüge und mehr in ihre Jugendlichen investieren.“ In größeren Jugendgruppen werde zwar auch getrunken, aber die gegenseitige Kontrolle funktioniere immer noch besser als bei „Einzelnen im Buswartehäuschen“.

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