Zeitung Heute : Voll Energie

Der Tagesspiegel

„Sagen Sie, Norbert Burgmüller war doch kein richtig guter Komponist, oder?“ – Wer Frank Schneiders Büro im vierten Stock des Eckhauses an der Charlottenstraße am Gendarmenmarkt betritt, fühlt sich schnell wie ein Quizkandidat, der mitden kniffligsten Fragen zum Thema Kultur konfrontiert wird. Auch, weil der Intendant des Berliner Konzerthauses auf alle Fragen schon selbst die richtige Antwort weiß. Vergessene Romantiker zitiert er ebenso geläufig wie Goethe, Hegel und Brecht sowie die „Bemühenszusagen“ der Berliner Kultursenatoren, die er in seiner zehnjährigen Amtszeit er- und überlebt hat.

Eigentlich, sagt Schneider, habe er selbst nicht damit gerechnet, solange durchzuhalten, als ihm zwei Jahre nach der Wende die Leitung der einstigen DDR-Renommierinstitution angeboten wurde. „Meine Frau und ich saßen quasi schon auf gepackten Koffern, weil ich drauf und dran war, eine Professur in Freiburg anzunehmen. Aber dann dachte ich: Wenn die einem Ossi zutrauen, das zu schaffen, muss ich die Herausforderung annehmen.“

Eine echte Herausforderung: Dem Schinkelschen Schauspielhaus und dem dort beheimateten Berliner Sinfonie-Orchester eine klar profilierte Position im wiedervereinten Berlin zu geben und den Ausgleich zwischen dem kulturellen Erbe der DDR und der rapide aufschießenden neuen Mitte der Stadt zu finden. Intendant Frank Schneider brachte für diese Aufgabe wenig mehr mit als eine Menge Idealismus, seine Erfahrungen als Konzertdramaturg der Komischen Oper und profunde Kenntnisse aus seiner akademischen Laufbahn: Zuerst als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentralinstitut für Musikforschung und an der Humboldt- Universität, dann, ganz zuletzt noch, 1989 als Professor an der Akademie der Wissenschaften der DDR.

Kein Managertyp also wie etwa der neue Philharmonie-Chef Franz Xaver Ohnesorg, sondern ein von manchen als altmodisch belächelter Gelehrter, der unerschütterlich an die weltverbessernde Kraft der Kultur glaubt: „Wo gegeigt wird, wird nicht geschossen“, sagt er und gibt im gleichen Atemzug zu, dass er sich mit seinen humanistischen Idealen manchmal wie ein Dinosaurier fühlt: „Inzwischen habe ich schon fast den Glauben aufgegeben, dass die Kulturpolitiker der Stadt einmal ihre Aufgabe vom Standpunkt des Kunst-Ermöglichens her auffassen werden – und Kulturpolitik nicht nur als bloße Finanzpolitik aus West-Berliner Blickwinkel sehen.“

Bei aller Energie, die der 59-Jährige verbreitet, scheint doch immer wieder die Resignation über die Folgen des Vereinigungsprozesses durch. Wenn Schneider etwa beim Empfang des Bundespräsidenten unter 250 Gästen neben seinen alten Akademie-Kollegen Angela Merkel und Wolfgang Thierse der einzige Ossi sei, habe er schon das Gefühl, eine Alibi-Funktion zu erfüllen. Einen Gutteil der Energie für seinen Arbeitsalltag bezieht er aber wohl gerade aus dem Willen, das positive Erbe der DDR zu bewahren. Die DDR sei schließlich nicht die Partei gewesen. „Mit der Partei hatte ich schon mit 16 abgeschlossen, als ich eine Relegation verpasst bekam, weil ich in der Schule ein Chorwerk des Klassenfeindes Mozart einstudiert hatte. Und als mir irgendwann mal die Mitgliedschaft in der SED nahe gelegt wurde, sagte meine Frau bloß: Dann lass ich mich scheiden.“

Es drängt Schneider, von seiner Wahrnehmung der DDR zu erzählen, von dem behördlichen Druck angesichts seiner Kontakte zu West-Fachkollegen ebenso wie von der Musiker-Boheme des Ostens und den Trinkgelagen mit Luigi Nono. „Was ich nach der Wende gemerkt habe, ist nur, dass sich Wessis und Ossis im Grunde herzlich wenig unterscheiden und das hierarchische Verhalten hüben genauso ausgeprägt ist wie drüben. Nur die Methoden sind jetzt subtiler.“ Trotzdem will Schneider weitermachen bis zu seiner Pensionierung 2007 – wenn ihm die Kulturpolitik sein Haus nicht inzwischen tot.spart.

Jörg Königsdorf

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