Zeitung Heute : Voll integriert

Brauner Rauch stieg auf beim Sonnwendfest in Pretzien, einem Dorf in Sachsen-Anhalt. Das Tagebuch der Anne Frank wurde verbrannt. Besuch beim Bürgermeister, der nicht einschritt, und auf einer denkwürdigen Dorfversammlung

Deike Diening[Pretzien]

Das Dorf Pretzien liegt direkt an der „Straße der Romanik“. Sie führt durch sonnige Kornfelder, unter Obstbäumen entlang und durch Wälder voll Wild. Nebenan stromert die Elbe. Wenn man in Magdeburg arbeitet, findet man hier einen guten Baugrund. Die Jugend fährt in dieser Gegend gerne tiefer gelegt, ihre Musik hämmert von innen gegen die Türen, und nachts schließen an ihren Häusern die Jalousien dicht.

Zur Sonnenwendfeier entwich aus ihrem Feuer brauner Rauch. Die Flammen haben keine halbe Stunde gelodert, aber wenn man so will, sind die Dorfbewohner immer noch mit den Löscharbeiten beschäftigt.

Am 24. Juni lädt der „Heimat Bund Ostelbien“ auf die Gemeindewiese zum „Tanz zur Sommersonnenwende“. Auf der Wiese, in deren Mitte ein Kirschbaum üppig trägt, direkt hinter dem Gemeindehaus, zünden sie um 22 Uhr das Feuer. Anwesend sind etwa 80 Leute, auch der Bürgermeister. Nicht anwesend ist der Vorsitzende des 12-köpfigen Heimatbundes, Christian Seidel. Seidel war einmal in der NPD, was er heute „jugendlichen Leichtsinn“ nennt. Viele sagen, wäre er, der seine Leute im Griff hat, da gewesen, wäre Folgendes nicht passiert: Eine amerikanische Flagge wird in das Feuer geworfen. Dann ruft einer: „Ich übergebe dem Feuer Anne Frank“, – und schickt das Tagebuch der verfolgten Jüdin, die im Konzentrationslager starb, hinterher.

Die Staatsanwaltschaft befasst sich mit den Tätern, der Verfassungsschutz, der den Verein schon lange beobachtet, befragt das Dorf. Der Leiter des Anne- Frank-Zentrums in Berlin erstattet Anzeige gegen unbekannt. Die Presse reist an. Am Pranger steht auch der ehrenamtliche Bürgermeister Friedrich Harwig. Er selbst nämlich, der an dem Abend da war, ohne einzugreifen, hatte versucht, den Verein in die Gemeinde einzubinden und ist Mitglied geworden. Doch am Ende – der Verein hat sich nun aufgelöst – sieht es für viele so aus, als hätten die Jugendlichen den Bürgermeister integriert. Von den drei Männern sollen zwei aus dem Ort sein. Und was tut man hier? Reagiert wie eine Familie. Man will sich aussprechen.

Am Abend des flirrend heißen, vergangenen Mittwoch bittet der Bürgermeister das Dorf in das Gemeinschaftshaus „Alter Krug“. Eingesessene und Zugezogene sind gekommen, Alte und auch ein Trupp Jugendlicher. Der Pfarrer für die Dörfer Pretzien und Gommern, Alexander Holtz, leitet die Versammlung. Er will, dass alle ihre Stühle zu einem Kreis zusammenstellen. In die Mitte die Pretziener, am Rand die Medien. Jeder soll heute alles sagen dürfen. In die Mitte stellt er „ein Licht für die Hoffnung, die uns verbindet, und ein Glas Wasser für die Klarheit, die wir jetzt brauchen“.

„Drei junge Männer haben mit ihrer Tat unser Gemeinwesen beschmutzt“, sagt er. Und: „Manche von uns hätten wissen müssen, dass hier eines Tages so etwas passiert.“ Doch es solle niemand verurteilt werden heute. Sie wollen sehen, ob sie noch ein Dorf sind, trotz allem. Deshalb sind sie hier. Und dann wird die Gemeinde zu einem vielstimmigen Chor.

„Ich bin schockiert über die Tat, aber froh, dass so viele Bürger hier zeigen, dass wir nicht damit einverstanden sind“, sagt jemand. – „Ich verurteile die Tat, aber auch die, die unser Dorf verurteilen“, ruft einer. – „Haben nicht beim Hochwasser die Jugendlichen mitgekämpft?“, erinnert jemand. – „Wenn die Jugend geht, ist die Zukunft weg!“ – „Denkt mal an den Fasching, das haben sie super gemacht!“

Also, erhebt sich einer, er wolle jetzt nur einmal sagen, dass bei der Verbrennung auch von Gästen Beifall kam. – „Die Verniedlichung fängt schon damit an, dass wir immer von Jugendlichen reden. Es handelt sich um Männer von 24, 27 und 28 Jahren, die sind für ihre Taten verantwortlich“, sagt ein anderer.

Und dann steht Bürgermeister Friedrich Harwig auf. Harwig, der nicht reagiert hat, als das Feuer auch an seiner Ehre fraß. Er hat einen Schnurrbart und Kopfschmerzen. „Ich habe mit hier draußen gestanden“, sagt Harwig. „Kameras aus!“ brüllt einer. „Von klein auf weiß ich, dass es das Schlimmste ist, wenn Bücher verbrannt werden, und als ich dann noch hörte, es war das Tagebuch …“ Er stockt. „Ich habe von diesem Moment an neben mir gestanden.“ In seiner Zeit als Bürgermeister hätten immer mehr Menschen zu ihm Vertrauen gewonnen. Auch „diese jungen Menschen“ hätten Vertrauen gewonnen. „Aber man kann Menschen ändern“, sagt er und: „Wenn man mich heute fragte: Ich würde wieder versuchen, die Jugendlichen herbeizuziehen.“

Die Stimmung ist gespannt. Allen, auch dem Pfarrer, fällt das Reden schwer. „Entweder wir reden miteinander, oder wir schlagen uns die Köpfe ein“, sagt er. „Aber die Köpfe haben wir uns in Deutschland schon einmal eingeschlagen.“

Silvia Franke, 48 Jahre, weißer Rock und goldene Creolen, könnte die Heldin sein. Sie hat bei dem Fest schnell reagiert. Sie hat das Mikro ergriffen und ihren Austritt aus dem Heimatbund bekannt gegeben, in den sie erst acht Wochen zuvor eingetreten war. Dann hat sie das Fest beendet. Als die Staatsanwaltschaft kam, da habe sie auch nicht so getan, als wisse sie nicht, wer es gewesen sei, wie so viele andere im Dorf. Das sei ja albern. Jetzt aber sagt sie: „Die Jugendlichen aus dem Bund haben viel für den Ort getan. In all den Jahren konnte ich nicht feststellen, dass diese jungen Leute innerlich dieser Überzeugung anhängen.“ Letztlich seien sie doch die Einzigen gewesen, die etwas Schwung in den Ort gebracht hätten. Vielleicht sei sie naiv gewesen. Aber es sei scheinheilig von den Pretzienern, die jetzt sagen, sie hätten es ja immer gewusst. Und es stimmt, sie arbeite beim Ordnungsamt Schönbeck, aber dort habe sie gerade Urlaub. Nicht „das Ordnungsamt“ habe deshalb das Fest beendet, sondern sie, Silvia Franke, ganz privat.

Diese Unterscheidungen sind wichtig in diesem Ort, vielleicht liegt hier ein Schlüssel. Pretzien mit seinen 984 Einwohnern ist so klein, dass sich alle in mehreren Rollen über den Weg laufen. Der Bürgermeister selbst leitet noch drei Chöre, den Frauenchor, den Männerchor, und den Mädchenchor. Und auch die Männer aus dem Heimatbund sind ja noch in der Feuerwehr und Sportvereinen. In einem so kleinen Dorf entsteht Macht durch Präsenz. Und Freundschaft auch.

Damit ihre Gemeinschaft weiter funktioniert, müsste ein Kunststück gelingen: Kann man die Tat „scharf verurteilen“, aber die Täter nicht? Lässt sich überhaupt integrieren, wer so weit rechts ist?

Immer wieder erheben sich Stimmen, die Jugendlichen sollen endlich selber reden. „Das können wir nicht verlangen“, sagt der Pfarrer. „Wir können sie nur bitten.“ – Schweigen. „Es wird ihnen eventuell helfen.“ – Schweigen. Ein älterer Mann erhebt sich. Das Problem seien die Medien. Die Beteiligten würden sprechen, wenn nicht die Presse im Raum wäre. Es sei dann doch eine Angelegenheit der Bürger untereinander.

Einer springt auf und geht durch die Reihen. Es ist ja ganz angenehm, wenn man wieder weiß, wer der Feind ist. „Da ist noch einer“, sagt er. „Los, raus.“ – „Die haben jetzt bloß ihre Stifte weggesteckt.“ – Die Medien, denen sie eben noch vorgeworfen haben, nie genug zu recherchieren, werden rausgeschickt. Die Türen schließen sich. „Da filmt noch einer durch die Glastür!“ Dann Schweigen.

Er solle besser im Sitzen reden wegen der Kameras vor dem Fenster. Die Leute des Dorfes wenden nicht die Köpfe, sie gucken nach vorne und nach unten. Vermutlich wissen ohnehin alle, wer jetzt spricht. Die Stimme hat den Stimmbruch schon lange hinter sich. Sie haspelt etwas, dann entschuldigt sie sich für die Tat, bei dem Dorf Pretzien, dem Schaden entstanden sei. Und sie entschuldigt sich bei ihrem Bürgermeister, Friedrich Harwig. Ihre Verfahren jedoch, die seien schwebend, weshalb man weiter nichts sagen könne.

Das war’s. Nichts zur Tat. Keine Reue.

Pfarrer Holtz ist ein lauterer Mensch. Wer mit ihm redet, hat das Gefühl, direkt mit seinem Gewissen zu sprechen. Dumpf und ohnmächtig kam ihm die Versammlung vor. Voll unterschwelliger Aggression. Jetzt, in seiner Rolle als Privatmensch, kann er das sagen. „Die waren ja alle auf Linie gebracht – es ging darum, den Bürgermeister zu schützen.“ Niemand habe sich wirklich geöffnet.

„Die Leute hier haben die Nazis marschieren sehen, und dann die FDJ, die machen vieles mit. Die wollen eigentlich nur ihre Ruhe.“ Vor einiger Zeit wollte Holtz einmal im Nachbarort Gommern rechte Plakate entfernen. Das sei gefährlich, bedeutete man ihm. Gefährlich?

Entscheidend in Pretzien sei sicherlich die Figur des Bürgermeisters. Die gewitzte Art, mit der er den Ort nach vorne bringt, schätze auch er, aber „es ist ein gefährliches Zeichen, ausgerechnet diesen Leuten die Kulturarbeit im Dorf zu überlassen“. Nein, er könne jetzt wirklich nicht beurteilen, wer hier wen integriert habe. Friedrich Harwig, sagt Holtz, ist einer, „der will die Welt retten“.

Harwig hat gerötete Augen, es ist schon spät. Heute wurde der Hund seiner Tochter eingeschläfert. Harwig wohnt gegenüber vom Gemeindehaus. Als er Licht macht, sieht man die Rattansessel und den Glastisch. „Einen Cappuccino?“ Kaffee, der hilft gegen die Kopfschmerzen, hohe Tassen, Milch, Natreen. Harwig hat häufig Kopfschmerzen. „,Stirb langsam‘ – kennen Sie den?“, fragt er. So fühlt er sich. Harwig hat schon wieder ein schlechtes Gefühl, das Gefühl, sich um Kopf und Kragen geredet zu haben. Und es passiert ihm seit dem 24. Juni immer wieder. Einer der Jungs hatte ihm einmal erzählt, er würde niemals Sex mit einer Ausländerin haben. Das hat er einem Journalisten erzählt.

Früher hätten die Rechten die Nazis aus ganz Deutschland hierher eingeladen. Aber seit es den Heimatbund gibt, habe das aufgehört. Harwig fragte sie mehrmals in den letzten Jahren, „auf Ehre und Gewissen“: Habt ihr noch Kontakt zu euren Nazis? Nein. Gut. Das war das Wichtigste. Sie organisierten fortan bei Dorffesten die Chroniken, ein Wissensquiz, dann haben sie die gesamte Organisation übernommen.

Er weiß selbst, dass es nicht ewig so weitergehen kann mit dem Integrieren. „Irgendwann müssen sie halt auf ihrer Seite bleiben.“ Aber noch glaubt er, dass es geht. Dass sie nicht verloren sind. Die Tränen in seinen Augen können nicht nur Übermüdung sein. Vielleicht ist sein Problem, dass Harwig zu viel versteht.

„Ich habe mich ja auch geändert“, sagt er und guckt geradeaus. Schweigen. Die Uhr in seinem Wohnzimmer tickt Mitternacht entgegen. Die Nacht in Pretzien ist komplett still. „Er war 25 Jahre bei der NVA, das meint er damit“, sagt seine Frau. „Der Offizier geht schwer aus einem raus“, sagt er. In den letzten zwei Jahren in Oranienburg seien Anspruch und Wirklichkeit immer mehr auseinander geklafft. Druck von oben, aber unten haben Pünktlichkeit und Disziplin nachgelassen. Er wollte aufhören, nach der Mindestzeit von 25 Jahren. Als sie ihn nicht gehen lassen wollten, ist er krank geworden. Einen Kranken wollten sie dann aber auch nicht. Das war sein Wendepunkt. Er ist 1983 nach Pretzien gezogen, wurde Lehrer an der Berufsschule. Sein ziviles Leben begann mit Automatisierungstechnik.

Seit 1994 ist er Bürgermeister mit Erfolgen. Neue Glocken für den Kirchturm, eine große und eine kleine für die Viertelstunden. Der Neubau des Kindergartens, die Feuerwehr von 2002, den Sportplatz restauriert, getrennte Umkleiden für Frauen und Männer. Es wohnen heute fast doppelt so viele Menschen im Dorf.

Warum hat er bei der Feier nicht eingegriffen? „Ich bin alt genug geworden, um mich zu kennen“, sagt Harwig. Situationen wie diese hat er schon erlebt, sie seien vergleichbar mit einem Schock. Er funktioniere dann nach außen wie gehabt, doch irgendwann komme der Zusammenbruch. Auf einer Autofahrt von Schönbeck nach Pretzien musste er an den Rand fahren. Tränen und alles.

Danach war er wieder er selbst. Er stellte fest: Sein Ehrenamt flog ihm um die Ohren. Die PDS forderte nach 50 Jahren seinen Austritt. Das Telefon klingelt seit Tagen ununterbrochen. Und bei jedem Klingeln muss er an seine Zeit in Oranienburg denken, weil dort die Alarmanlage an das Telefon gekoppelt war. Seinen Austrittsantrag an die Partei hat er abgegeben. – Doch seltsamerweise scheint Harwig nicht wütend auf die Täter zu sein, trotz allem. Warum? „Die wissen schon, wie tief mich das getroffen hat,“ sagt er. Er habe eine gewisse Distanz gespürt, als er sie begrüßt habe vor der Versammlung. So, „als hätten sie was ausgefressen und bekämen jetzt ein paar gebacken.“ Trotzdem hatte er dann Angst um sie, „dass sie über die Jugendlichen herfallen würden.“ Und, nimmt er ihre Entschuldigung an? Ja, sagt er.

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