Zeitung Heute : Volle Kraft voraus

Beate Stelzer war Krankenschwester, jetzt ist sie Kapitänin für Übersee-Frachtschiffe

Uta Glaubitz

„Das kann doch nicht alles gewesen sein“, dachte sich Beate Stelzer nach achtzehn Jahren als Krankenschwester – und besann sich auf ihre Kindheit. In den Ferien war sie häufig an der Ostsee gewesen und hatte dort sehnsüchtig den großen Schiffen hinterher geschaut. Dort oben auf der Brücke eines riesigen Überseefrachters, da wollte sie auch einmal stehen. Doch wenn die Verwandtschaft nach ihren Berufswünschen fragte, antwortete sie vorsichtshalber immer „Krankenschwester.“

Der vorgeschobene Wunsch wurde Wirklichkeit. Stelzer gehörte bis 1998 zum Pflegepersonal des Berliner Klinikums Benjamin Franklin. „Ich hätte so auch gut noch 15 Jahre weitermachen können, aber ich wollte etwas Neues“, sagt sie im Rückblick.

Nach so langer Zeit im selben Job – wie ist da der Umstieg zu schaffen? Stelzer machte ihr Abitur auf dem zweiten Bildungsweg und ging im Alter von 35 Jahren auf die Suche nach einem Praktikum an Bord – der Voraussetzung dafür, ihren wahren Wunschberuf Wirklichkeit werden zu lassen. „Viele Reedereien haben erst gar nicht kapiert, was ich will. Aber eine konnte ich überzeugen, und für die ist das fast zum Statussymbol geworden: Seht her, wir haben eine Frau an Bord!“ Doch im Gegensatz zur Kapitänsgattin musste die ran wie ein Kerl: schleifen, malern, putzen, Rost klopfen, Drähte und Tauwerk spleißen, Ankerwinden, Winschen und Bordkräne fetten und ölen.

Im anschließenden Nautikstudium an der Fachhochschule im ostfriesischen Leer paukte Stelzer mechanische Wärmelehre, Thermodynamik, Mathematik, Chemie, terrestrische und astronomische Navigation, Ladungstechnik, aber auch Personalführung, Psychologie, Soziologie und Fremdsprachen. Schließlich ist die Besatzung eines Schiffs immer eine zusammengewürfelte Truppe aus aller Herren Länder. „Es gibt keine Fremdsprache, die man nicht irgendwann brauchen kann“, so die gebürtige Hannoveranerin. Das nächste Praxissemester führte quer über Nordsee und Atlantik. Stelzer fuhr Multipurpose-Schiffe, die Getreide ebenso laden können wie Maschinenbauteile, Schwergut und Container. Dabei kann es sich handeln um Windkrafträder in Einzelteilen, die nach Spanien müssen, oder um Zellulose aus Schweden, die nach Bremen verschickt wird, oder um deutsche Holzchips, die den umgekehrten Weg nehmen. Kisten mit auseinandergelegten Pipelines müssen von Houston ins norwegische Stavanger, von dort aus tonnenweise Presspappe nach Brest. Auch zwei Militärboote von Göteborg nach Mexiko können vorkommen. Um ihre Zukunft macht die Nachwuchsnautikerin sich keine Sorgen. Von den etwa 1 600 deutschen Kapitänen geht die Hälfte in den nächsten Jahren in Ruhestand. Zudem gilt die deutsche Ausbildung als gründlich, sodass Stelzer bei Reedereien rund um den Globus gefragt ist.

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