Zeitung Heute : Voller Esprit und Musizierlaune

Musikentdeckungen zwischen Trondheim, Kopenhagen und Stockholm.

Babette Hesse
Mit bestechend natürlicher Stimme. Anne Sofie von Otter. Foto: Ewa-Marie Rundquist
Mit bestechend natürlicher Stimme. Anne Sofie von Otter. Foto: Ewa-Marie Rundquist

Selbst im Zeitalter des globalen Tourismus kommt es nicht alle Tage vor, dass eine junge Pariserin nach Spitzbergen aufbricht – 1839, als die 19-jährige Leonie d’Aunet ihren Verlobten auf eine Forschungsexpedition in den hohen Norden begleitete, war das schlichtweg unerhört. Durch Dänemark, Norwegen und Schweden führt sie ihre Reise , von den großen Städten bis in die großartigen Eiswüsten nahe dem Polarkreis. Auch im norwegischen Trondheim macht sie Station, genießt den Blick vom Leuchtturm von Munkholmen über die malerisch zwischen Fjord und Dovre-Gebirge gebettete Stadt und besucht den Nidaros-Dom, für den der „märkische Silbermann“ Joachim Wagner einst eine Orgel schuf.

Heute ist in Trondheim eines der führenden Orchester Norwegens beheimatet: Mit den Trondheim Solistene reisen wir im Eröffnungskonzert (7. Juni) auf den Spuren Mademoiselle d’Aunets durch Skandinavien und zugleich durch 300 Jahre skandinavischer Musik – vom „schwedischen Händel“ Johan Helmich Roman über Norwegens Romantiker Edvard Grieg und Johan Halvorsen mit ihren betörenden Melodien bis hin zum Dänen Bent Sørensen, der das Akkordeon als extravaganten Konzertsolisten mit einem Streichorchester paart. Eine musikalische Expedition in Gefilde jenseits des wohlbekannten Repertoires und Auftakt zu vielen weiteren Entdeckungen, die das Festspielprogramm in diesem Jahr bereithält.

Zum Beispiel in Kopenhagen, wo König Christian IV. schon im 17. Jahrhundert musikgeschichtlich Achtungszeichen setzte. An seinem Hof entfaltete er ein glanzvolles Musikleben, holte internationale Stars wie John Dowland in seine viel bewunderte Kapelle und schickte junge dänische Talente zum Studium nach Venedig. Mit fünf Vokalsolisten und einer reizvoll farbigen Instrumentalbesetzung mit Geigen und Gamben, Zink und Dulzian bringt das Ensemble Scherzi Musicali in der Friedenskirche Sanssouci geistliche Musik zu Gehör, wie sie an Christians Hof erklungen sein mag: Werke von Giovanni Gabrieli, seinem Schüler Heinrich Schütz, der fernab der Wirren des Dreißigjährigen Krieges als Kapellmeister in Kopenhagen glückliche Jahre verbrachte, und nicht zuletzt vom Dänen Mogens Pedersøn, der fast gleichzeitig mit Schütz bei Gabrieli studierte und seinem Lehrer, wie man hört, gleichfalls alle Ehre machte.

Dänemarks renommiertestes Originalklangensemble gibt seine Herkunft schon im Namen zu erkennen: Concerto Copenhagen, von Fans liebevoll CoCo genannt. Höchst kurzweilige und unterhaltsame Musik zwischen Barock und galant-empfindsamem Stil verspricht ihr Konzert und bietet zugleich aufschlussreiche Einblicke in den regen deutsch-skandinavischen Musikaustausch des 18. Jahrhunderts.

So machte der schwedische Komponist Johan Joachim Agrell in deutschen Landen Karriere, während der Sachse Johann Adolph Scheibe seine Wahlheimat in Kopenhagen fand – wie so viele andere Deutsche, die seinerzeit das Kulturleben der Stadt maßgeblich mitprägten. Und für den in Hamburg wirkenden Telemann lag der Norden sowieso quasi vor der Haustür. In einer hinreißenden Suite hat er „alte“ und „moderne“ Deutsche, Dänen und Schweden alle miteinander porträtiert: ein „Konzert der Nationen“ voller Esprit und Musizierlaune (15. Juni).

Wären die Nationen nur immer so harmonisch vereint! Wer heute anerkennend „alter Schwede!“ sagt, denkt dabei wohl kaum an den Dreißigjährigen Krieg und König Gustav Adolfs gefürchtete Streiter. Als Retter und Beschützer aller Protestanten wurde der machthungrige Schwedenkönig mit seinen Truppen anfangs hoffnungsvoll begrüßt, nach seinem Tod in der Schlacht bei Lützen geradezu zum Märtyrer verklärt. Frieden brachte er nicht.

Der Kriegsfuror hinterließ allerorten verbrannte Erde und entvölkerte auch halb Brandenburg. Kaum dreißig Jahre später zwangen Bündnispflichten Schweden und Brandenburg in einen neuen Krieg und der Albtraum begann von vorn, bis Kurfürst Friedrich Wilhelm die Schweden 1675 bei Fehrbellin vernichtend schlug. Dieses dramatische Kapitel deutsch-schwedischer Geschichte wird in zwei Landpartien erkundet, die zwei besonders exquisite Konzerterlebnisse versprechen.

Die eine (9. Juni) führt auf den Spuren Gustav Adolfs nach Weißenfels, Meuchen und Lützen und klingt dort in der Gustav-Adolf-Gedächtniskapelle mit expressiven Lamenti und filigraner Instrumentalmusik des Frühbarock aus, meisterhaft interpretiert von Roberta Mameli und La Venexiana. Die zweite (16. Juni) geht nach Rathenow, Fehrbellin und Wittstock, wo in der Marienkirche der herausragende schwedische Organist Gunnar Idenstam u. a. mit eigenen Bearbeitungen von Werken Bachs und Praetorius’, schwedischer Volksmusik und Improvisationen zu erleben ist.

Mittlerweile sind die aus Brandenburg vertriebenen Schweden als friedliche Eroberer zurückgekehrt, unter anderem mit Wohnkultur und mit Musik. Als sangesfreudiges Volk präsentieren sie sich jederzeit, aber ganz besonders zu Mittsommer. Der Stockholmer Romeo & Julia Kören gewinnt dem Chorgesang ganz neue Seiten ab, kleidet sich ins Renaissancekostüm und macht aus jedem Lied ein Stück Musiktheater. Bei der Trollenacht (21. Juni), beim WissenschaftsKonzertParcours auf dem Telegrafenberg (22. Juni) und beim Abschlusskonzert (23. Juni) sind seine fantasievollen Performances zu erleben, mit denen er schon diverse Nobelpreisträger beim Festbankett in Stockholm begeisterte.

Aber auch als Solisten sind die Schweden groß und haben immer wieder außergewöhnliche Sängerpersönlichkeiten hervorgebracht. Eine solche ist unbedingt die Mezzosopranistin Anne Sofie von Otter, die sich mit ihrer bestechend natürlich geführten Stimme, ihrer musikalischen Intelligenz und faszinierenden Bühnenpräsenz längst in die Herzen einer weltumspannenden Fangemeinde gesungen hat. Im Nikolaisaal (14. Juni) gestaltet der sympathische Weltstar zusammen mit dem Pianisten Bengt Forsberg und dem Geiger Pekka Kuusisto einen Liederabend der etwas anderen Art: mit Liedern skandinavischer Komponisten wie Grieg, Stenhammar und Nielsen, aber auch von Brahms, mit Volksliedern und -tänzen und stimmungsvoller Kammermusik für Geige und Klavier.

Hier wird die Volksmusiktradition als Inspirationsquell vieler Liederschöpfer intensiv erlebbar und die Grenze zwischen Volks- und Kunstlied wunderbar durchlässig. Ein Fest für Liederfans und solche, die es werden wollen! Babette Hesse

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