Zeitung Heute : Voller Kraft zurück

Zu dem Attentat auf Bundeswehrsoldaten in Afghanistan haben sich islamistische Taliban bekannt. Wie gefährlich sind die Gotteskrieger?

Ruth Ciesinger

Wer sind die Taliban?

Der Einfachheit halber werden in Afghanistan oft alle Aufständischen zu den Taliban gezählt – Regierungsgegner, Drogenbarone, frühere Mudschaheddin und Islamisten. Doch die Strukturen sind komplizierter: Zwar schließen diese Gruppen gerade im Süden des Landes ihre Zweckbündnisse gegen die Regierung Karsai und die internationalen Truppen, ihre Ziele aber unterscheiden sich deutlich. Die Agenda der Taliban, die seit Mitte der 90er Jahre den größten Teil des Landes in einen steinzeit-ähnlichen Gottesstaat verwandelt hatten und 2001 von den USA gestürzt wurden, ist dabei so simpel wie vage: Man will zurück zum islamischen Emirat, zur Scharia. Was das konkret bedeutet, wird zwar nicht formuliert, doch der Blick in die Vergangenheit ist aussagekräftig genug.

Die Taliban sind heterogen zusammengesetzt. Da ist die Führungsgruppe rund um Mullah Omar, die vom pakistanischen Quetta aus Einfluss auf die Aufständischen nimmt. Die Schüler aus den Religionsschulen wiederum, den so genannten Madrassen, sind oft von Kindesbeinen an auf die radikalislamische Ideologie getrimmt und kämpfen als Fußvolk für ihre Meister. Die meisten von ihnen sind afghanische Paschtunen, ein kleiner Teil kommt aus Pakistan, Usbekistan oder Saudi-Arabien. Den „harten Kern“ beziffern indische Quellen auf etwa 5000 Mann, Nato-Quellen sprechen von 1000 bis 5000 Kämpfern. Aber nicht alle Taliban sind Hardliner. So haben sich in den vergangenen Jahren auch Afghanen, die enttäuscht vom langsamen Wiederaufbau und der Korruption sind, den Gotteskriegern angeschlossen.

Wie mächtig sind sie?

Diese Unzufriedenheit gerade in den südlichen Provinzen und bei den paschtunischen Stämmen haben den Taliban geholfen, sich seit 2003 zu konsolidieren und wiederzubewaffnen. Seitdem ist die Zahl der Anschläge in Afghanistan extrem gestiegen. Hier liegt aber auch der Grund, weshalb viele Afghanen die Islamisten jetzt anders wahrnehmen, sagen Afghanistan-Experten wie Thomas Ruttig von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin . Waren die Gotteskrieger in den 90ern noch eine Art Volksbewegung und Retter in der Not vor Chaos und Bürgerkrieg, so operieren sie jetzt mit terroristischen Methoden. Die offenen Kämpfe gegen westliche Militärs sind nur ein Teil ihrer Taktik, in vielen Dörfern im Süden Afghanistans setzen sie auf Bedrohung und Zwang. Geistliche, Stammesälteste, Polizisten, Helfer von Nichtregierungsorganisationen – wer mit der Regierung kooperiert, läuft Gefahr, ermordet zu werden. Hinzu kommt, dass die Zahl der Selbstmordanschläge, denen vor allem Zivilisten zum Opfer fallen, im vergangenen Jahr drastisch gestiegen ist. Auch deswegen sinkt das Ansehen der Taliban in der afghanischen Bevölkerung. Dennoch können diese ihre Guerillataktik weiter erfolgreich fortsetzen, unter anderem weil sie im so genannten Paschtunengürtel im pakistanischen Grenzgebiet ein Rückzugsgebiet haben. Islamabad verweist zwar regelmäßig darauf, dass seine eigene Armee viele hundert Mann im „Kampf gegen den Terror“ verloren hat. Fakt ist aber auch, dass sich bis heute hochrangige Taliban in Quetta unbehelligt bewegen können.

Kurt Beck hat vor kurzem vorgeschlagen, auch mit den Taliban zu verhandeln. Wie sinnvoll wäre das?

Weil die Taliban kein monolithischer Block sind, ist die Frage vor allem: Mit wem sollte man reden? Und wer von den Islamisten wäre überhaupt gesprächsbereit? Mit Mullah Omar, der engen Kontakt zu Al-Qaida-Chef Osama bin Laden gehabt haben soll, würde sich wohl niemand an einen Tisch setzen. Mit lokalen Taliban-Chefs dagegen ist es nach Meinung von Thomas Ruttig sogar sinnvoll, über deren Anliegen zu sprechen. Das wird in Afghanistan auch schon getan; vor kurzem erst hat der Senat eine Gesetzesvorlage eingebracht, in dem der Dialog mit afghanischen Taliban gefordert wird.

Allerdings reichen Gespräche alleine nicht aus, es müssen auch Taten folgen. Denn die internationale Gemeinschaft hat lange viel falsch gemacht in Afghanistan. Angefangen damit, dass man erst 2003 den Wiederaufbau auch über die Region Kabul hinaus ernsthaft ausgedehnt und die Paschtunen im Süden lange vernachlässigt hat. Insofern geht der deutsche Ansatz, der sich auf die zivile Zusammenarbeit konzentriert, in die richtige Richtung. Außerdem wäre es auch wichtig, dass sich der Westen nicht mehr länger nur auf Regierungs- und Verwaltungsmitglieder stützt, die er kennt. Er sollte vielmehr darauf achten, dass die Beamten nicht korrupt sind. Dass zum Beispiel der Vizeinnenminister selbst in den Drogenhandel verstrickt ist, ist weit über Afghanistan hinaus bekannt. Und das schwächt das Vertrauen in die Regierung – und in den Westen.

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